Ein wertloser Rhetorik-Preis für Walser / Professor Knape schämt sich nicht

Sie schä­men sich nicht, nein­nein, sie schä­men sich par­tout nicht, sie sind offen­bar der­art indo­lent, dass sie der Scham gar nicht mehr fähig sind; ein Symptom, wie es zuwei­len bei Demenz auf­tritt. Als sei nichts gewe­sen, prä­sen­tiert das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen auf sei­ner aktu­el­len Website den hunds­or­di­nä­ren PR-Schmäh sei­nes frü­he­ren Chefs Prof. Dr. Gert Ueding als kor­rek­te Preisvergabe, 1998 für die „Rede des Jahres“ an Martin Walser.

Walser hat sich inzwi­schen von sei­ner Rede distan­ziert. Müsste ihm nicht die eh‘ wert­lo­se Ehrung (wert­los, weil offen­bar durch dreis­ten, die Öffentlichkeit täu­schen­den Bluff ange­dreht) nun wie­der aberkannt wer­den? Aber nein. Walsers Begründung für sei­ne Bekehrung zum Besseren ent­behrt nicht der Peinlichkeit. Es ist schon ein rei­zend kor­rup­tes Gschwerl, was sich hier zusam­men­ge­fun­den hat und mun­ter wei­ter an der Korrumpierung des publi­zis­ti­schen Betriebs werkelt.

Und der nun amtie­ren­de Chefrhetoriker Prof. Dr. Joachim Knape hofft wohl, es sei genug Gras über die Sache gewach­sen. Dass die­se Hoffnung ent­täuscht wer­de, dazu wol­len wir nach bes­ten Kräften beitragen.Fangen wir an, mit der Neupublikation eines betag­ten Textes, damals auf der jüdi­schen Website Hagalil erschienen.

Trittbrettfahrer der Bubis-Walser-Kontroverse

Der Tübinger Jens-Nachfolger Gert Ueding als Trittbrettfahrer der Bubis-Walser-Kontroverse. Rhetorik-Preis jetzt auch für Joschka Fischer.

Zu lan­ge offen­bar muss­te der höchst mit­tel­mä­ßi­ge Ernst-Bloch-Schüler Gert Ueding ertra­gen, dass sein Vorgänger auf dem Chefstuhl des Tübinger Universitäts-Instituts für Allgemeine Rhetorik, Walter Jens, noch Jahre nach sei­ner Emeritierung grö­ße­re öffent­li­che Beachtung und Achtung fand und fin­det. Beim gro­ßen „Walser-Gargel-Margel“ (Willi Winkler) wit­ter­te Ueding Publicity für sich selbst und sein wacker-solid vor sich hin for­schen­des Institutle, und füt­ter­te die Agenturen und Feuilletons vor einem Jahr mit der sen­sa­tio­nel­len Pressemitteilung, eben habe das „ein­zi­ge Institut sei­ner Art in Deutschland“ Walsers süddeutsch-biedermännischer, ressentiment-geladener Friedenspreis-Schwadronage den Titel „Rede des Jahres verliehen.

Noch heu­te führt das als ver­läss­lich gel­ten­de Munzinger-Archiv den Walser-Martin als Preisträger, unter Berufung auf die eben­falls als ver­läss­lich gel­ten­de Süddeutsche Zeitung, die halt auf Ueding her­ein­fiel, wie die Frankfurter Allgemeine und ande­re, dar­un­ter auch die Welt. Dort bringt der Tübinger Rhetorik-Präzeptor gele­gent­lich Artikel unter, stil­blü­ten­reich das, was ein­mal ein Bloch’scher Gedanke war, zum Ruhme des Heinz G. Konsalik und des­sen Schmarren „Der Arzt von Stalingrad“, zur Phrase umfor­mend – unter der Schlagzeile: „Liebe, Blut und wei­ße Kittel“. (Genau das ist die Sphäre, in der Ueding sich beschei­den soll­te; da kennt er sich aus, fühlt sich wohl und for­mu­liert nicht ein­mal unge­schickt). Übrigens mel­de­te auch haGalil am 15. Dezember 1998 die Preis-Verleihung, mit leich­tem Befremden zwar, aber der Pressemitteilung des Ordinarius Ueding — Ordentlicher Professor – Glauben schenkend.

Ohne Recherchen moch­te Hans-Joachim Lang, Redakteur des links­li­be­ra­len Tübinger „Schwäbisches Tagblatt“, die Meldung über die wis­sen­schaft­lich auto­ri­sier­te Weihe Walsers damals nicht abdru­cken, und er griff zum Telefon, Näheres in Erfahrung zu brin­gen; mög­lich, dass er nur dem Leiter Ueding, nicht aber dem gesam­ten Instituts-Stab eine der­ar­tig dumm-dreiste, schlagwort-salatige Diktion zutrau­te: Walsers Rede sei gewählt wor­den, weil sie „in der Tradition der gro­ßem huma­nis­ti­schen Beredsamkeit in Deutschland für die ideo­lo­gisch ver­fes­tig­ten Meinungsschranken unse­rer Mediengesellschaft die Augen öff­net, sich gegen das orga­ni­sier­te Zerrbild von Gewissen, Moral, Schuldbewusstsein wehrt…“ und noch wei­ter bramarbarsiert’s beflis­sen, dass es nur so sei­ne Art hat, von der sich denn doch die Walsersche Beredsamkeit – wenn auch „tel­lement petit-bourgeois (klein­bür­ger­lich)“, wie hell­sich­tig Richard von Weizsäcker dia­gnos­ti­zier­te – leuch­tend abhebt.

Redakteur Lang also recher­chier­te, mühe­voll. Außer dem zwei­ten Professor des Instituts, Joachim Knape, hat­te kei­ner sei­ner Gesprächspartner den Mut, die Preis-Verleihung als das zu ent­tar­nen, was sie war: ein scham­lo­ser Medien-Hype, vul­go Trittbrettfahrerei, vom Emeritus Jens spä­ter als Mischung aus „Nonsens und Wichtigtuerei“ abge­kan­zelt, und damit gelin­de ver­harm­lost – denn Uedings scham­lo­ser Bluff ver­schaff­te den Walser’schen „Rodomontaden“ (Süddeutsche Zeitung) bei arg­lo­sen Lesern Renommee. Ueding log, der Jury hät­ten „alle haupt­amt­li­chen Mitarbeiter des Instituts ange­hört“, und die Wahl sei ein­stim­mig erfolgt.

Lang ließ nicht locker. Er erreich­te zwei wis­sen­schaft­li­che Mitarbeiter, die einen Tag nach der Preisverleihung vor­ga­ben, sich nicht erin­nern zu kön­nen, wel­che rhe­to­ri­schen Meisterreistungen denn in Konkurrenz zur Walsers Rede streng rhetorisch-wissenschaftlich begut­ach­tet wur­den. (Nicht-erinnern-können, scheint immer noch ein beson­ders in Deutschland gras­sie­ren­des Syndrom zu sein). Immerhin Professor Knape rede­te „Klartext“. Er ken­ne die preis­wür­di­ge rhe­to­ri­sche Meisterleistung nicht ein­mal im Wortlaut, wis­se nichts von einer Jury, kön­ne aber bestä­ti­gen, dass tat­säch­lich über Walsers Rede gere­det wur­de: „Auf der Weihnachtsfeier des Instituts, bei­läu­fig bei einem Glas Wein.“

Wiewohl ent­larvt, gab Ueding nicht auf, ver­si­cher­te dem Josef-Otto Freudenreich, Autor der Stuttgarter Zeitung, es habe sehr wohl eine Jury gege­ben, und sehr wohl kon­kur­rie­ren­de Texte zur Auswahl. Leider frag­te Freudenreich nach, und als ers­tes fiel dem nun­mehr gestress­ten Rhetoriker Schröders Regierungserklärung ein, nach wei­te­rem Nachdenken eine Rede von Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts (‚Missbraucht die Politik das BVG?‘) und eine des Althistorikers Christian Meier (‚Warum ras­ten die Worte nicht mehr ein?‘).

Wiederum hat­te Ueding Pech. Freudenreich recher­chier­te, und fand eine schö­ne Schlusspointe für sei­ne Glosse: „Fürwahr, alle­samt gewich­ti­ge Reden, vor allem jene des Kanzlers, aber die ande­ren bei­den sind in der Eile offen­sicht­lich nicht gründ­lich gele­sen wor­den. Beide tau­gen zur „Rede des Jahres 1998“ nicht – Limbach und Meier haben näm­lich schon 1997 gesprochen“.

Just 1997, Ende Januar, las Ueding in sei­nem Hausblatt „Die Welt“, dass der „Förderkreis für poli­ti­sche Rhetorik“ schon jah­re­lang ein „Goldenes Mikrofon“ ver­leiht, aktu­ell an Oskar Lafontaine. „Das kann ich auch“, sag­te er sich, kos­tet mich nicht mehr als eine Pressemitteilung. Im Dezember 1998 war’s dann soweit, er ver­gab den mit nix dotier­ten Preis im Wortsinn ein­stim­mig, im Alleingang, und es wäre unbil­lig, von Walser zu erwar­ten, er möge ihn – weil pure Fiktion — zurück­ge­ben. Wahrscheinlich gibt’s nicht ein­mal eine Urkunde. Im August 1999 leg­te Ueding nach, ver­gab wie­der­um ein­stim­mig eine Auszeichnung, dies­mal einen Hörbuchpreis, im Namen der Tübinger Universität und des Instituts. Wiederum recher­chier­te TAGBLATT-Redakteur Lang, wie­der­um ent­fuhr nur Knape ein fas­sungs­lo­ses: ‚Ein Preis jagt den nächsten…‘

Die „Rede des Jahres 1999“ ist, wirk­lich und wahr­haf­tig, gekürt, noch vor der Weihnachtsfeier des Instituts, von einer leib­haf­ti­gen Jury, wie, wie­der­um Lang, her­aus­be­kam. Joschka Fischer erhielt die wert­lo­se Ehrung, für sei­ne Parteitagsrede zum Krieg im Kosovo. Schon im Mai die­ses Jahres hat­te Ueding, natur­ge­mäß in der „Welt“, den neu­deut­schen Übergang von der Friedens- zur Kriegsrhetorik begrüßt, unter miß­bräuch­li­cher Verwendung des Worts von Ernst Bloch: „Nur sanft sein heißt nicht gut sein“.

Sich selbst und sei­ne ein­stim­mi­ge Ernennung von Walsers Rede ver­tei­dig­te Ueding vor einem Jahr mit der kühn-absurden Vermutung: „Ernst Bloch hät­te genau­so gespro­chen wie ich“. Blochs Sohn Jan Robert ver­wahr­te sich gegen den Versuch, „die Bekanntheit Blochs her­an­zu­zie­hen, um einer Schlussstrich-Mentalität dass Wort zu reden…“, nann­te Uedings Diktum, viel zu vor­nehm „ruf­schä­di­gend und maßlos“.

Mag also Fischer den Preis behal­ten, Walser ihn nicht zurück­ge­ben – emp­fan­gen hat er ja fast nix – obwohl: „Besser wie nix is,“ sag­te Karl Valentin, befragt, war­um er eine Brille ohne Gläser tra­ge. Wenigstens das Munzinger-Archiv aber soll­te sei­nen Walser-Eintrag berei­ni­gen, auch im Sinne Uedings, der sich bis­her wohl bloß bißl genier­te, sol­ches zu ver­lan­gen. Im Sommersemester 1997 hielt er ein Hauptseminar, mit dem schö­nen Titel: „Wahrheit und Lüge in rhe­to­ri­scher Absicht / Ethik in den Massenmedien“.

Thomas Ziegner / haGalil 12–99