Zu wahr, um nur schön zu sein

Er gehör­te zu den Mitbegründern der Abstrakten Kunst in Deutschland: Emil Schumacher, Jahrgang 1912.  Zu sei­nem 100. Geburtstag war im Hagener ESM eine anre­gen­de Ausstellung zu sehen.

Überraschende, im bes­ten Sinn auf­re­gen­de Funde prä­sen­tier­te Gastkurator Erich Franz. In Zusammenarbeit mit Ulrich Schumacher, dem Vorsitzenden der Stiftung, und dem Hagener Kurator Rouven Lotz kon­fron­tier­te er das Oeuvre Emil Schumachers mit klug aus­ge­wähl­ten Werken sei­ner bedeu­tends­ten Zeitgenossen: Künstler-Kollegen, denen der am 29. August 1912 gebo­re­ne Schumacher beson­de­re Aufmerksamkeit schenk­te. Sei es, weil sie ähn­li­che for­ma­le Ideen hat­ten, sei es, weil er eini­ge ihrer Verfahren tes­ten woll­te, aus­pro­bie­ren, wie er sie sei­nen Vorstellungen assi­mi­lie­ren könnte.

Lehrreich, anre­gend und ver­gnüg­lich glei­cher­ma­ßen ist die Konzeption. Da ist zunächst das bekann­ter­ma­ßen beträcht­li­che Eigengewicht der Bilder Schumachers, ihre ges­ti­sche Kraft, die dank Binnendifferenzierung etwa der volu­mi­nö­sen schwar­zen Strukturbögen nie als Kraftmeierei wirkt; eben­so wenig wie die sofort, gleich­sam im ers­ten Augenblick impo­nie­ren­den Farb-Valeurs, deren Vielschichtigkeit sich erst dem ver­wei­len­den oder auf der Bildoberfläche wan­dern­den Blick erschließt.

Pinatubo, Emil Schumacher, 1992, Öl auf Holz, 170 x 250 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Emil Schumacher

Viel Sinn für gut gesetz­te Pointen hat­te das Kuratoren-Trio bei der Hängung. Kommt man in den zwei­ten gro­ßen Saal, ent­lo­cken Schumachers Großformate selbst abge­brüh­ten Ausstellungsbesuchern Seufzer der Begeisterung. Prominent prangt die gera­de­zu unver­schämt, fast trä­nen­trei­bend rot leuch­ten­de „Zwiebel“ im Mittelgang.

Die Ausstellung zeigt Schumacher im inter­na­tio­na­len Kontext. Vielleicht größ­tes Verdienst die­ser Konzeption: Sie weist mühe­los nach dass blo­ße Einordnungen wie „Informel“ oder „abs­trak­ter Expressionismus“ für die ein­zel­nen Werke wenig besa­gen: Es sind Behelfsformeln für Unterricht und Feuilleton, Marketinghilfe für den Handel. Chefkurator Erich Franz fasst im Katalog die bis­he­ri­ge Literatur zu Schumacher kon­zis zusam­men­fas­sen und denkt wei­ter. Seinem vor­züg­li­chen Essay hät­ten eini­ge bes­se­re Alternativen zum Haupttitel „Malerei ist gestei­ger­tes Leben“ ent­nom­men wer­den kön­nen: Dieses Motto hat Schumacher so nie for­mu­liert, es ähnelt den Slogans einer Pillenfirma.

Schumacher ist gegen vie­le sei­ner Liebhaber in Schutz zu neh­men, die ihn umstands­los redu­zie­ren auf star­ke Farben und auf unge­zü­gel­ten Ausdruckwillen („expres­sio­nis­tisch halt“). Franz zeigt, wie skru­pu­lös, wie gedan­ken­reich der Künstler sei­ne Arbeiten schuf, die zugleich von star­ker leib­haf­ti­ger Präsenz zeu­gen. Franz betont, wie Schumacher den moto­ri­schen Impuls wohl­kal­ku­liert abbremst, steu­ert, in den Dienst des „Wahrheitsgehalts“ (Zitat Schumacher) stellt. Danach sieht man die Bilder bes­ser, hat ener­gie­spen­den­de Freude an ihnen. „Oft muss ich schö­ne Einzelheiten, alles Gefällige und Genüssliche zer­stö­ren im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt des­sen, was ich mit dem Bild mei­ne. Das eigent­lich Schöne ergibt sich aus dem gro­ßen Tun her­aus“, sag­te Schumacher ein­mal. Einen Stil, der es ihm erlaubt hät­te, Bilder nach einem Schema zu fer­ti­gen, hat­te er nicht — den­noch ist sei­ne Handschrift dank des enor­men Spannungsreichtums, der zuwei­len hit­zi­gen Intensität unverkennbar.

Emil Schumacher, 1981. Foto: © Ralf Cohen Karlsruhe/Emil-Schumacher-Stiftung, Hagen

Wie schwer er es sich stets mach­te, beschrieb er in einem Text aus dem Jahr 1960: Die Überwindung der „Mauer“ des Bildes bezeich­ne­te er als die Kraftanstrengung im schöp­fe­ri­schen Prozess: „Ich gehe gegen das Bild an, wie ich gegen eine Mauer ange­he, um eine Lücke zu fin­den, durch wel­che ich hin­durch kann, um hin­ter das Unbekannte der Grenze zu kom­men.“ Hat er es aber geschafft, dann „ist es kein Geheimnis mehr, und eine neue Mauer rich­tet sich vor mir auf. Immer wie­der kommt die Verzweiflung dar­über, aber das ist gut so, denn die­ser Widerstand mobi­li­siert neue Kräfte.“

Etwa neun­zig Prozent der aktu­el­len Bilderflut in den Medien ist zu schön, um wahr zu sein; eine mög­li­che Umschreibung für Kitsch. Bilder Schumachers und die sei­ner gro­ßen Zeitgenossen sind zu wahr, um nur schön zu sein. Dass Schumacher zu den ers­ten Entdeckern und Sammlern des Virtuosen der Spannungslosigkeit Cy Twombly gehör­te, ist eine der ver­blüf­fends­ten Entdeckungen der Ausstellung. Schumacher erkann­te den Rang des so gegen­sätz­lich arbei­ten­den Kollegen — und nutz­te womög­lich des­sen Konzept zum kal­ku­lier­ten Abbremsen des eige­nen expres­si­ven Elans.

Thomas Ziegner

Emil Schumacher Museum Hagen