Interview mit dem Tübinger Privatgelehrten Reinhard Schulte II

Drach war mehr­mals in extre­men Gefahrensituationen.

Schulte: Es gibt, wenn man Drach liest, vie­le Situationen, die der ähn­lich sind oder nahe kom­men, die er als die über­haupt bedroh­lichs­te geschil­dert hat. Inzwischen schon zum drit­ten Male inter­niert, befand er sich in einem fran­zö­si­schen Lager, in dem, wie er wuß­te, nur­mehr der Transport nach Auschwitz oder einem ande­ren Vernichtungslager bevor­stand. Er ist die­sem Lager tat­säch­lich ent­kom­men, nicht durch Flucht — geflo­hen ist er aus noch nicht ganz so gefähr­li­chen Lagern frü­her -, son­dern durch einen Trick, den er mit Kaltblütigkeit und Todesverachtung im Lager ange­wen­det hat. Das muß jeder selbst in dem Buch „Unsentimentale Reise“ nach­le­sen. Er hät­te sei­ne Rettung mit dem Wort Wunder zwar sel­ber nicht bezeich­net, wie er denn Askese wal­ten ließ gegen­über reli­giö­sen Vokabeln — er, der kein are­li­giö­ser Mensch gewe­sen ist — …

War er nicht Agnostiker?

Schulte: Nein … aber er hät­te nicht wider­spro­chen, wenn ein nai­ver Leser mit dem Wort Wunder bestimm­te Begebenheiten in Drachs Leben benannt hät­te. Bezüglich der Behauptung, er sei kein are­li­giö­ser Mensch gewe­sen, sei zunächst ein­mal infor­ma­to­risch gesagt, daß er sich immer, wenn es galt, über die soge­nann­ten letz­ten Dinge öffent­lich sich zu beken­nen, als Deist bezeich­net hat. Das wäre der sach­lich zutref­fen­de Begriff. Der Gott, den es für ihn gege­ben hat, war einer, der sich um das Ergehen des Einzelnen nicht beküm­mert. Das bedeu­te­te zumin­dest die Möglichkeit, daß das, was die Menschen mit­ein­an­der machen und was sie von­ein­an­der zu lei­den haben, nicht alles ist, eben weil es Gott gar nichts angeht. Es gibt kei­ne Notwendigkeit. Er hat sich, was den Glauben betrifft, auf Spinoza und Goethe bezo­gen. Drach hat tat­säch­lich gemeint, daß der Gesichtspunkt oder die Orientierung, die geschicht­lich auf die­sem Erdball mög­lich ist, die zu sein hat, daß es eine Schöpfung gab, die ver­las­sen wor­den ist. Der Mensch bewegt sich immer wei­ter weg davon und muß nun aus­kom­men ohne die Hilfe eines Gottes als eines Elements, das Menschen irgend­wie in ihre Pläne ein­set­zen kön­nen oder dür­fen. Er war der Ansicht, daß, wenn einer es fer­tig­bringt oder genug Einzelne es fer­tig­brin­gen, sich so zu ver­hal­ten, daß sie aus den Kausalketten, die das Unglück und das Unrecht auf der Erde per­p­etu­ie­ren, her­aus­tre­ten — wie wenn in die­sem Augenblick der Sprung aus der empi­ri­schen in die intel­li­gi­ble Ordnung mög­lich wäre, nicht gestützt auf einen Gott, son­dern ganz unab­hän­gig, in die­sem Sinn gott­ver­las­sen -, daß sich also dann alles noch ein­mal anders bewe­gen könn­te. Er hat dies nicht nur im Leben des Einzelnen, son­dern auch geschicht­lich für mög­lich gehal­ten. Zwar scheint die Geschichte auf die Katastrophe zuzu­lau­fen. Aber er war der Meinung, daß, wenn es einem Menschen gelingt, dem Boden unter sei­nen Füßen, in der Situation der Gefangenschaft und des bevor­ste­hen­den Todes, eine ande­re Bedeutung zu geben — das ist wört­lich die Formulierung im „Satansspiel“ -, daß man dann einen Drehpunkt erreicht, von dem aus die Kausalität wie­der so begon­nen wer­den kann, als ob es mög­lich wäre, daß es anders ver­läuft als nach der Entwicklungslogik Paradies, Sündenfall, Erbsünde, Katastrophe.

War Drach somit ein Visionär?

Schulte: Sie müs­sen sich unter Drach einen Denker und vor allem einen Künstler vor­stel­len, der mit den nihi­lis­ti­schen Kategorien in einer para­die­si­schen Unschuld umge­gan­gen ist. Wenn irgend­ei­ner, dann wäre Drach zu nen­nen, der es ver­mocht hat, den nega­ti­ven Kategorien die Erwartung eines Anfangs im empha­ti­schen Sinn zu erstat­ten, ohne aus ihnen etwas Positives nach Art einer Doktrin zu machen. Man stößt da, bevor es Auschwitz gab, aller­dings nicht bevor es die Verfolgung gab, die im übri­gen so alt ist wie das Christentum, auf eine über­ra­schen­de Denkfigur, zu wel­cher der Genozid und die Idee der Vernichtung zusam­men­tre­ten oder viel­mehr in Opposition tre­ten. Im Jahr 1939 hat er sei­nem „Satansspiel“, das er zu die­ser Zeit umge­ar­bei­tet hat, Sätze ein­ge­fügt, die er de Sade kurz vor sei­nem Tod als Vermächtnis hat spre­chen las­sen und in denen einer­seits die Schönheit der Vernichtung geprie­sen wird, die schö­ner sei als die Schönheit der Schöpfung, und ande­rer­seits — nur durch weni­ge Zeilen von­ein­an­der getrennt — die unüber­wind­li­che Verachtung aus­ge­drückt wird für den Mord aus mora­li­schem oder auch juris­ti­schem Grund, des­sen aller­ers­tes Modell die Rache Abels an Kain gewe­sen ist und des­sen übli­cher­wei­se vom Bewußtsein hin­ge­nom­me­ne Formen ganz all­ge­mein die Institution der Todesstrafe und der Krieg gewe­sen sind, wor­in Drachs de Sade nur die Vorformen der end­gül­ti­gen Perversion des Tötens durch Hitler gese­hen hat, der es in eine indus­tri­el­le und hoch­tech­ni­sier­te Verwaltungsangelegenheit ver­wan­del­te. Der his­to­ri­sche wie der thea­tra­li­sche de Sade ver­ab­scheu­ten schon die Guillotine. Dem Marquis de Sade, der das Töten aus Lust, den Lustmord, gerecht­fer­tigt hat, frei­lich nur die­sen, hat Drach den stärks­ten Protest gegen das unend­lich gefähr­li­che­re sank­tio­nier­te Morden in den Mund gelegt, und nicht nur als indus­tri­el­les Massenunternehmen wie in Hitlers Reich, son­dern auch schon, dar­in mit dem his­to­ri­schen de Sade ganz einig, in Gestalt eines jeden Todesurteils durch ein Gericht, zurück­zu­ver­fol­gen bis zu Abels Verlangen nach dem zwei­ten Mord, der im Unterschied zum ers­ten Mord Kains berech­tigt wäre, wäh­rend Drach nach dem Holocaust vor­zog, den Mord Kains ohne Sühne zu las­sen, wodurch er fol­gen­los geblie­ben wäre und nicht die Einwanderung und die Verkappung des Mordens in Moral und Recht bewirkt hät­te — letz­te­res ein Beispiel für Drachs hete­ro­do­xe Bibellektüre. Wenn man die bei­den Gedanken in der Rede de Sades vor dem Tribunal am Schluß des „Satansspiels“ zusam­men­nimmt, dann heißt das: Auschwitz — das, als dies geschrie­ben wur­de, noch ein paar Jahre in der Zukunft war­te­te -, der per­fek­tio­nier­te Massenmord, signa­li­siert die Gefahr, daß die Idee der Schönheit der Vernichtung auch noch kor­rum­piert wird. Denn die Idee der Vernichtung gehört den Opfern. In sei­nem spä­ten Roman „O Catilina“ hat Drach den Vernichter schei­tern las­sen, der die Idee sei­ner Sendung, das Ende des Lebens auf der Erde her­bei­zu­füh­ren, kor­rum­piert gese­hen hat durch das bana­le Böse, wie es mitt­ler­wei­le im Alltag aller Menschen prak­ti­ziert wird. Das wenn man will tra­gi­sche hap­py end ist, daß außer der Sprengung des Ortler und der Liquidierung des Staates Israel, mit der Catilina nichts zu tun hat, wenig pas­siert und alles so wei­ter­geht. Aber die, denen Auschwitz zuge­dacht war, haben viel­leicht an dem Gedanken so etwas wie einen letz­ten Trost, daß es danach mit dem Leben auf der Erde vor­bei ist, und die­ser Gedanke der Vernichtung oder des Untergangs nach Auschwitz ist unver­lier­bar fest­zu­hal­ten — und dann nicht zu ver­wirk­li­chen. Es ist damit klar, daß der Autor Drach, wenn anders die­se Beschreibung des Kerns sei­nes Werkes zutrifft, mehr Tabubereiche furcht­los durch­mißt, als das heu­ti­ge kul­tu­rel­le Bewußtsein zulas­sen möchte.
Wen sol­che Gedanken erschre­cken, der tut gut dar­an vor­aus­zu­set­zen, daß Drach immer noch um eine Drehung wei­ter denkt. Drach denkt nicht nur, daß der Böse not­falls die Tat tun kann, die der Gute nicht mehr voll­bringt oder nie voll­bracht hat, son­dern er glaubt, daß das gan­ze System der mora­li­schen Gegensätze bei­läu­fig aus den Angeln geho­ben wer­den kann. Das wür­de man nor­ma­ler­wei­se eine revo­lu­tio­nä­re Tat nen­nen, und noch über die­se denkt er hin­aus — und bewegt er die Figuren sei­ner Imagination hin­aus -: nicht nur die Wertordnung wird revo­lu­tio­när auf den Kopf gestellt, son­dern auch die revo­lu­tio­när ver­än­der­te neue Ordnung darf nicht zufrie­den genos­sen, son­dern muß in der Rolle des Kontrahenten bestan­den wer­den. Er hat de Sade den ein­zi­gen ech­ten Revolutionär genannt, und er hat damit gemeint, daß er nicht nur gegen den König Ludwig XVI. sich in radi­ka­ler Opposition befun­den hat, son­dern auch als Auslöser des Sturms auf die Bastille die­sel­be radi­ka­le Opposition gegen Robespierre auf­ge­baut hat, also die Befähigung zum genia­len Konterrevolutionär eben­so bewies wie die zum genia­len Revolutionär, und zuletzt der nicht weni­ger kom­pro­miß­lo­se Gegner Napoleons gewor­den ist. Für de Sade hat Drach spät, in den acht­zi­ger Jahren, einen Begriff adop­tiert, der ihm von außen zuge­kom­men sein wird, näm­lich den Begriff der per­ma­nen­ten Revolution, den Marcuse popu­la­ri­siert hat.

Was ist der Grund für die in den letz­ten Jahren abneh­men­de Beachtung der Werke Drachs? 

Schulte: Wenn ich hier eine Antwort geben soll, die wirk­lich in der Rezeption etwas wei­ter­führt, will ich mög­lichst kon­kret blei­ben. Er hat unab­hän­gig von Auschwitz — nicht unab­hän­gig vom jüdi­schen Schicksal, aber lan­ge vor Auschwitz — als jun­ger Mann zu der Einsicht gefun­den, daß, anthro­po­lo­gisch gespro­chen, nichts weg­ge­las­sen wer­den darf, daß alles gebraucht wird, schließ­lich auch die Potentiale des Menschen, die unter dem Begriff des Bösen abge­spal­ten wor­den sind, die Aggression, die Destruktion, die Vernichtung. In die­ser Absicht begeg­net er sich mit Freud, den er distan­ziert aus der Ferne betrach­tet hat, obwohl oder weil zwi­schen drit­tem und neun­tem Wiener Bezirk die Entfernung nicht all­zu groß war, aber er hat erstaun­li­cher­wei­se man­che Entdeckungen Freuds zeit­gleich oder wenig spä­ter selbst gemacht, in visio­nä­ren Bildern eher als in Begriffen. So hat er unmit­tel­bar nach dem Ende des ers­ten Weltkriegs ein lan­ges Gedicht geschrie­ben, das Freuds Entdeckung des Todestriebs, die zur sel­ben Zeit geschah, zu illus­trie­ren scheint. Was aber die Rezeption von Drachs Werk so schwie­rig macht, ist, daß dar­auf bestan­den wird, den anthro­po­lo­gi­schen oder auch theo­lo­gi­schen Ansatz, nichts weg­zu­las­sen, vor allem nicht das Böse, auch und gera­de gegen­über dem jüdi­schen Schicksal, auch und gera­de gegen­über Auschwitz nicht fal­len­zu­las­sen. Ich bin mir bewußt in Rätseln zu spre­chen, wenn ich sage, daß der Unterschied zwi­schen dem Bösen, das sei­ne Bestimmung ver­ges­send geschieht, und dem Bösen, das sei­ner Bestimmung ein­ge­denk nicht geschieht, hier der Schlüssel ist.

Wie hat es Albert Drach mit der Aufarbeitung der Vergangenheit gehal­ten? Wie stand er zu Adorno, zu Améry? 

Schulte: Ich glau­be, ich kann sicher sagen, daß Drach Adorno nicht zur Kenntnis genom­men hat, und umge­kehrt Adorno nicht Drach. Die Zeitspanne, in der das letz­te­re mög­lich gewe­sen wäre — nicht mehr als fünf Jahre — war wohl ins­ge­samt zu kurz. Doch gibt es zwin­gen­de Parallelen zwi­schen dem nega­ti­ven Messianismus Drachs und der Lehre von der bestimm­ten Negation, in der allein das Gute und das Göttliche sich noch fas­sen las­se, bei Horkheimer und Adorno. Das müß­te breit ent­fal­tet wer­den, wofür jetzt nicht mehr die Zeit ist. Mit der wech­sel­sei­ti­gen Kenntnisnahme Drachs und Amérys dürf­te es sich ähn­lich ver­hal­ten. Ein Unterschied ist, daß Drach durch sei­ne Erfahrung nicht sich gezwun­gen gese­hen hat, wie Améry durch die Erfahrung der Folter, den Suizid als letz­te Möglichkeit einer frei­en Handlung zu pos­tu­lie­ren. Vielmehr hat Drach Wert dar­auf gelegt, sei­nen Selbstmordversuch im Exil ein Jahr nach dem Ende des drit­ten Reichs aus­schließ­lich mit einer uner­hört unglück­li­chen Liebesgeschichte und nicht mit dem Holocaust zu begrün­den, obwohl das wahr­schein­lich doch mehr mit­ein­an­der zusam­men­hing, als er sich ein­ge­ste­hen woll­te. Aber gedank­lich und als Künstler hat er doch den Tod, der für ihn etwas sehr Schönes, auch ero­tisch Schönes, geblie­ben war, eben dar­um, und weil es ihn nur ein­mal gibt, so weit als irgend mög­lich hin­aus­schie­ben wol­len, gleich­sam wie einen auf­ge­spar­ten Genuß. Das Gemeinsame in der Frage der Aufarbeitung der Vergangenheit zwi­schen Drach, der kri­ti­schen Theorie, Améry, auch etwa Scholem dürf­te gewe­sen sein, daß sie eine Versöhnung zwi­schen den deut­schen Tätern und den über­le­ben­den jüdi­schen Opfern, über eine mate­ri­el­le Wiedergutmachung — deren Begriff Drach ver­höhnt hat — und eine pein­lich kor­rek­te Außenpolitik hin­aus, in den jetzt leben­den Generationen für aus­ge­schlos­sen hiel­ten. Ich will Ihnen aber zwei Gedanken, die sich nicht bei Drach allein fin­den, die aber bei ihm in sel­te­ner Klarheit aus­ge­bil­det sind, wenigs­tens ganz kurz nen­nen, von denen ich wünsch­te, daß sie wie ein logos sper­ma­ti­kos in den Herzen der Menschen hier­zu­lan­de ein­woh­nen wür­den. Das eine ist der Verzicht auf Rache bei den über­le­ben­den Juden, was ich, wenn ich das hin­zu­fü­gen darf, für einen unver­gleich­lich viel tie­fer­ge­hen­den Vorgang hal­te als den, der den Namen Aufarbeitung der Vergangenheit bei den Deutschen bean­sprucht, und schlech­ter­dings unter den Ursachen, die bewirkt haben, daß die zwei­te Hälfte des zwan­zigs­ten Jahrhunderts anders als die ers­te aus­ging, für die wich­tigs­te. Das ande­re ist, daß die Existenz der Juden in Israel, der Zuflucht vor Hitler, noch immer vor der Gefahr einer Wiederholung des Holocaust nicht völ­lig sicher­ge­stellt ist, vor allem nicht durch ein euro­päi­sches Bewußtsein, das mit den Juden des Antisemitismus sich ent­le­digt wähnt, der mit den Juden in den Orient sich ver­zog, doch in Wahrheit den immer noch mög­li­chen Untergang mit dem Argument quit­tie­ren wür­de, daß die Deutschen (Europäer) nichts damit zu tun hät­ten, son­dern die Juden (Israelis) es sich sel­ber zuzu­schrei­ben hät­ten, dies­mal, wäh­rend doch der Judenhaß schon immer so sich ver­neh­men ließ. Die stets noch viru­len­te Gefahr hat ihn bis an sein Lebensende beun­ru­higt, wie immer er auch Frieden fand im Ersinnen von Werken, deren uto­pi­scher Gehalt sich der jüdi­schen Kraft ver­dankt, der Katastrophendynamik sich zu entwinden.

15. Dezember 2002 / Die Fragen stell­ten Thomas Ziegner und Ines Klank-Rießen