Weg der Verheißung — The Eternal Road von Werfel und Weill II

Der bren­nen­de Dornbusch, Chemnitz 1999, Copyright Dieter Wuschanski

Anmerkungen und Fotos zur Inszenierung in Chemnitz 1999

(Wir dan­ken den Städtischen Theatern Chemnitz für die freund­li­che Genehmigung, die Fotos zu publizieren).

Von Thomas Ziegner

 

Die Städtischen Theater in Chemnitz ver­füg­ten 1999 über eine der moderns­ten Bühnentechniken im Land, und sie hat­ten ein muti­ges Leitungsteam, das die Anforderungen der lizenz­ge­ben­den New Yorker Kurt Weill Foundation for Music erfül­len konn­te: Zwölf Aufführungen min­des­tens in Chemnitz, dazu Gastspiele in New York und Tel Aviv und mög­lichst viel inter­na­tio­na­le Zusammenarbeit. Regie führ­te der dama­li­ge Chemnitzer Intendant Michael Heinicke, die Dramaturgie über­nahm Gerhard Müller, Bühnenbild und Kostüme der israe­li­sche Künstler David Sharir. Dirigent war der US-amerikanische Weill-Spezialist John Mauceri.

(The Urban Theatres of Chemnitz dis­po­sed 1999 of one of the most modern stage tech­ni­ques in the coun­try, and they had a cou­ra­ge­ous manage­ment team which could ful­fil the demands of the licence-giving New York Kurt Weill Foundation for Music: Twelve Performances at least in Chemnitz, in addi­ti­on guest per­for­man­ces in New York and Tel Aviv and as much inter­na­tio­nal coope­ra­ti­on as pos­si­ble. Director Michael Heinicke was chief-manager at that time, the Israeli artist David Sharir made sce­n­ery and cos­tu­mes, Gerhard Müller did the dra­ma­tur­gy and con­duc­tor was the US-American Weill-specialist John Mauceri.)

Der Tanz ums Goldene Kalb, Chemnitz 1999, Copyright Dieter Wuschanski

Die Schirmherrschaft über das Projekt hat­te der damals schon nicht mehr amtie­ren­de Bundespräsident Richard von Weizsäcker über­nom­men, so die Unterstützung einer brei­ten, par­tei­über­grei­fen­den, politisch-liberalen Öffentlichkeit signa­li­sie­rend. Dies war nicht über­flüs­sig. Nachdem die Deutsche Demokratische Republik (DDR) 1989 zusam­men­ge­bro­chen war und die fünf ost­deut­schen Länder der Bundesrepublik Deutschland bei­getre­ten waren, kam es  im neu­en Gesamtdeutschland (nicht nur im Osten) zu üblen frem­den­feind­li­chen Ausschreitungen, sogar zu einem bru­ta­len Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, nicht gegen Juden dies­mal, son­dern gegen Asylsuchende.

Auch des­halb (es gab noch ande­re trif­ti­ge Gründe) wur­de die Nazizeit( 1933–1945) wäh­rend der Neunziger-Jahre in Deutschland so inten­siv dis­ku­tiert wie kaum je zuvor. Zudem hat­te der renom­mier­te Schriftsteller Martin Walser 1998 den Friedenspreis des deut­schen Buchhandels erhal­ten und in sei­ner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche nur wenig ver­klau­su­liert dazu auf­ge­for­dert, nun doch end­lich einen Schlußstrich zu zie­hen. In einer der anschlie­ßen­den leb­haf­ten Diskussionen warf er dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, sogar vor, dass die­ser an einem Pogrom-Schauplatz sei­ne Solidarität mit den Opfern bekun­det hatte.

(The German Federal Ex-President Richard von Weizsäcker had taken patro­na­ge about the pro­ject, so signal­ling the sup­port of a broad majo­ri­ty of libe­rals in near­ly all poli­ti­cal par­ties. This was not super­fluous. After the German Democratic Republic (GDR) had bro­ken down in 1989, and the five eas­tern sta­tes had joi­n­ed the Federal Republic of Germany (FRG), the­re were bad xeno­pho­bic exces­ses in the big­ger grown coun­try. There was even a bru­tal pogrom in the town of Rostock-Lichtenhagen; not against jews this time, but against asylum-seekers.

Therefore (but the­re were still other con­vin­cing reasons) the Nazi time (1933–1945) was dis­cus­sed in the nine­ties years as inten­se­ly as hard­ly ever befo­re. Unfortunately the famous aut­hor Martin Walser, who had recei­ved the peace pri­ze (Friedenspreis des deut­schen Buchhandels) of the German book­trad­ers, asked in his thanking-speech in the Frankfurt Pauls‘ church only a litt­le hedged in by clau­ses to draw a final line now, to stop dis­cus­sing the unpre­ce­den­ted nazi-crimes. In one of the fol­lo­wing lively dis­pu­ta­ti­ons Mr. Walser even accu­sed the pre­si­dent of the Central Council of Jews in Germany, Ignatz Bubis, to seek publi­ci­ty, for Mr. Bubis visi­ted the sce­ne of a pogrom to show his soli­da­ri­ty with the victims.)*

Moses mit den Gesetztestafeln, Chemnitz 1999, Copyright Dieter Wuschanski

All den mit Schlußstrich-Mentalität belas­te­ten Bürgern muss­te das Projekt miss­fal­len. Die gele­gent­lich an der Inszenierung geäu­ßer­te Kritik, sie sei zu zu konservativ-zahm, zu wenig abs­tra­hie­rend und die kurz vor dem Schlussbild sze­nisch ange­deu­te­ten Nazi-Greuel sei­en ana­chro­nis­tisch und über­flüs­sig, zielt dane­ben. Schon Wolf Meyer Weisgal, Ideengeber und Produzent der Uraufführung 1937 in New York, hat­te das Werk als musik-theatralische Antwort auf den „Ausbruch nahe­zu vor­ge­schicht­li­cher Barbarei in Deutschland‘ (so for­mu­lier­te Sigmund Freud 1938)   geplant.Weisgal Weill und Werfel

(The pro­ject had to disp­lea­se all peo­p­le with that final-line-mentality. So the cri­ti­cism expres­sed now and then, that the sta­ging has been too conservative-tame, did not abs­tract enough and the Nazi-horror scenicly allu­ded to short­ly befo­re the final sce­ne were ana­chro­ni­stic and super­fluous aims to miss. For Meyer Wolf Weisgal, idea giver and pro­du­cer of the pre­mie­re in 1937 in New York had inau­gu­ra­ted the work as the music-theatrical ans­wer to „the out­break of near­ly pre­his­to­ric bar­ba­ri­ty in Germany“ (so for­mu­la­ted by Sigmund Freud in March 1938).)

Der Rabbi mit dem 13-jährigen Jungen, Chemnitz 1999, Copyright Dieter Wuschanski

Kurz vor der Premiere luden die Städtischen Theater Chemnitz zu einem wis­sen­schaft­li­chen Symposion. Einer der Teilnehmer war der  deutsch­stäm­mi­ge us-amerikanische Literaturwissenschaftler Guy Stern, der einen ers­ten wis­sen­schat­f­lich fun­dier­ten und sti­lis­tisch bril­lan­ten Aufsatz über das Werk von Weill und Werfel vor­ge­legt hat­te. Überdies gehör­te Guy Stern, vor sei­ner aka­de­mi­schen Tätigkeit, zu jener us-amerikanischen Truppe, der George Clooney ein fil­mi­sches Denkmal setz­te, den „Ritchie Boys“. Sie spür­ten Kunstwerke auf, die von Göring und ande­ren Nazi-Gangstern in ganz Europa zusam­men­ge­raubt wor­den waren.

Auf eine in Kostüm und Bühnenbild mehr abs­tra­hie­ren­de nächs­te Inszenierung könn­ten wir uns freu­en, bräch­te eine deutsch­spra­chi­ge Opernbühne den Mut dazu auf. Die ins­ge­samt gut gera­te­ne Aufführung in Chemnitz gefiel dem Publikum und über­wie­gend auch den Kritikern. Dass sie Meyer Wolf Weisgal, Kurt Weill und Franz Werfel gefal­len hät­te, dür­fen wir getrost anneh­men. Dramaturg Gerhard Müller hat her­aus­ra­gend gute Arbeit geleistet.

(Shortly befo­re the pre­mie­re the Chemnitz thea­tres invi­ted to a sci­en­ti­fic sym­po­si­on. One of the par­ti­ci­pan­ts was Guy Stern, the German born US literature-professor, who pre­sen­ted the first sci­en­ti­fic (and sty­li­sti­cal­ly bril­li­ant) essay on the work of Weill and Werfel. Moreover, Mr. Stern, befo­re his aca­de­mic care­er, belon­ged to that US-american troop, for which George Clooney crea­ted a cine­ma­tic monu­ment: The Ritchie Boys. They tra­cked down pie­ces of art which had been rob­bed by Göring and other nazi-gangsters in who­le Europe.

We could be glad about an in cos­tu­me and sce­n­ery more abs­trac­ting next sta­ging, if an ope­ra house in the ger­man spea­king count­ries would rai­se the cou­ra­ge to it. The audi­ence and pre­do­mi­nant­ly the cri­tics lik­ed the Chemnitz per­for­mance. And we may safe­ly sup­po­se, that Meyer Wolf Weisgal, Kurt Weill and Franz Werfel might have app­re­cia­ted it too. Dramaturg and script-editor Gerhard Müller has done a pro­min­ent­ly  good work.)

 

*See Niven, Bill: Facing the Nazi Past. United Germany and the lega­cy of the Third Reich, London and New York (Routledge)

News über den aktu­el­len Forschungsstand zum Oeuvre Weills bei der Kurt Weill Foundation for Music, NY: https://www.kwf.org/