Musik und Gedächtnis — Das gelobte Land und die Diaspora

Deborah Weisgall

Wir freu­en uns, erst­mals Deborah Weisgall als Gastautorin zu begrü­ßen. Deborah Weisgall schreibt für vie­le renom­mier­te US-amerikanische Zeitschriften und Zeitungen, dar­un­ter The Atlantic, Esquire, Fortune, The New Yorker und ins­be­son­de­re die New York Times. Titelstorys für das Time-Magazin schrieb sie über das New York City Ballet und Picassos kom­pli­zier­tes Vermächtnis.In Time erschie­nen auch ihre Artikel über Marguerite Yourcencar und Mikhail Baryshnikov. Sie hat zwei Romane ver­öf­fent­licht, „Still Point“ und „The World Before Her“, sowie Memoiren,“ A Joyful Noise“, über ihren Vater, den Komponisten Hugo Weisgall. Ihre Gedichte wur­den in The Atlantic und im Poetry Magazine ver­öf­fent­licht, und sie hat Libretti für das Boston Symphony Orchestra geschrie­ben. Ihr hier auf deutsch publi­zier­ter Essay erschien zuerst in der Zeitschrift The American Prospect unter dem Titel Music and Memory. Zum Originaltext auf The American Prospect

 

Von Deborah Weisgall

Die Musik der Synagoge von Rockland, Maine

Unsere Chorproben begin­nen etwa einen Monat vor den hohen Feiertagen gegen Ende des Sommers. Der See wird käl­ter, die Sumpfahorne fär­ben sich rot und die Autoschlan­gen, die die Straßen an der Küste von Maine verstop­fen, sind kür­zer gewor­den. Wir pro­ben in der Synagoge in Rockland, einer Arbeiterstadt, die noch nicht voll­stän­dig zum tou­ris­ti­schen Ziel gewor­den ist. Die Synagoge ist ein klei­nes Schindelgebäude in einer Seitenstraße, ein paar Blocks vom Fährhafen ent­fernt. Vor drei­ßig Jahren, als ich mit mei­nem Vater zum ers­ten Mal hier war, blies ein Ostwind den Geruch der Fischverarbeitungsfabrik in die offe­nen Fenster. Die Gemeinde war klein; eini­ge Kinder und Enkelkinder ost­eu­ro­päi­scher Einwanderer, die 1912 ihren Weg nach Maine fan­den und die Synagoge grün­de­ten, hiel­ten sie in Gang.
Es ist eine Überraschung, einen Außenposten der Diaspora an einem Ort zu ent­de­cken, der von Hummern und pro­tes­tan­ti­schen
Landbewohnern bestimmt wird. Es ist noch über­ra­schen­der — und die ursprüng­li­chen Familien der Gemeinde hät­ten es so fremd wie den Geschmack von Hummer gefun­den -, die Musik zu hören, die wir dort jetzt sin­gen. Aber die Synagoge flo­riert zu einem gro­ßen Teil wegen der Musik, die mein Vater nach Rockland gebracht hat.
Obwohl der Chor mehr als 20 Jahre alt ist, brau­chen wir unse­re Proben. Das ist kei­ne Musik,
die man ohne Vorbereitung inter­pre­tie­ren kann: Sie hat kom­pli­zier­te Modulationen und kniff­li­ge Einleitungen. Man wür­de sie eher in einem Konzertsaal erwar­ten; Schubert könn­te etwas davon geschrie­ben haben, oder Mendelssohn oder sogar Verdi. In die­ser ehe­ma­li­gen Baptistenkirche sin­gen wir gro­ße Chormusik des 19. Jahrhunderts- aller­dings nicht Messen oder Requien oder Opernchö­re, son­dern die Gesänge der hebräi­schen Liturgie. Wir sin­gen a cap­pel­la, vier‑, manch­mal fünf- oder sechsstim­mig. Es gibt nur weni­ge ande­re Orte auf der Welt, wo die­se herr­li­che Musik, die einst in Synagogen in ganz Mittel- und Westeuropa gesun­gen wur­de, Teil eines Gottesdienstes geblie­ben ist. Sie ist ver­ges­sen wor­den, fast.

Ich ken­ne die­se Musik seit mei­ner frü­hes­ten Kindheit. Es waren die lit­ur­gi­schen Gesänge, die mein Großvater und mein Vater san­gen, indem sie das, was sie geerbt hat­ten, bewahr­ten und ihre eige­nen Kompositionen hin­zu­füg­ten — und für einen Großteil mei­nes Lebens hat­te ich Angst davor, sie zu ver­lie­ren. Als ich ein Kind war, saß ich in der gro­ßen deut­schen Synagoge in Baltimore, Maryland, wo mein Großvater der Kantor war, und mein Vater, ein Komponist, den Chor diri­gier­te. Ich drück­te mich ans Geländer des Balkons hin­ter dem ers­ten Tenor. Die Musik ent­hält die Geschichte mei­ner Familie. Sie ist zen­tral für mein jüdi­sches Selbst.

Ich habe das Verschwinden dieser Musik auf drei Faktoren zurück­ge­führt: ers­tens auf den Holocaust, der die Gemeinden und die Synagogen aus­lösch­te, in denen die Musik zu Hause war; zwei­tens, auf die post-holocaust-Abneigung gegen alles, was von der deut­schen Kultur besu­delt wor­den ist, die doch einst die jüdi­sche Aufklärung geför­dert hatte; und schließ­lich auf Amerika, das Land der Zukunft und der Assimilation, das Freiheit und Chancen bot um den Preis des schritt­wei­sen Verlustes der jüdi­schen Identität und Tradition. 

Das ver­hei­ße­ne Land und die Diaspora

In die­sem Winter las ichMein ver­hei­ße­nes Land“ von Ari Shavit so, wie ich mir vor­stel­le, dass vie­le Juden es gele­sen haben — mit einem tie­fen Gefühl des Wiedererkennens. In sei­nem schmerzlichen, lei­den­schaft­li­chen Bericht über die Umwandlung einer Idee — des Zionismus — in eine Nation kon­fron­tiert Shavit die Paradoxa des Vergessens und Erinnerns, der Blindheit und der Vision, die die Herstellung des Staates Israel erfor­der­te. Er sieht klar, wie frü­he Zionisten, die vom Verlangen nach einem Heimatland befeu­ert wur­den, die Araber, die bereits in Palästina leb­ten, über­se­hen und spä­ter ver­trie­ben haben; er erzählt von sei­nem Militärdienst in einem Gefangenenlager in Gaza und stellt die Geschichte der Zerstörung der ara­bi­schen Stadt Lydda 1948 dar.

Shavit betrach­tet auch, wie Juden sich in Israelis ver­wan­delt haben. Er wid­met einem der Plattenbaukom­ple­xe, die im neu­en Staat errich­tet wur­den, das Kapitel „Wohnsiedlung, 1957“, berich­tet von euro­päi­schen Holocaust-Überlebenden, deren Kinder stun­den­lang Geige vor geflüch­te­ten jüdi­schen Irakern üben. Viele konn­ten es nicht erwar­ten, ihre alten Namen und das alte Bild der Juden als schwa­che und fei­ge Talmudgelehrte zu ver­wer­fen. Aber vie­le ande­re haben wert­vol­le Teile ihrer Identität — ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre reli­giö­sen Praktiken — auf­ge­ge­ben, um sich dem israe­li­schen Ideal anzu­pas­sen und Spuren der Diaspora zu löschen. Während er aner­kennt, dass das Projekt der Homogenität einst zen­tral für den Erfolg des neu­en Staates war, argu­men­tiert Shavit, dass es wich­tig ist, sich zu erin­nern, was aus­ge­löscht und igno­riert wur­de, wer abge­wer­tet wur­de — Juden aus mus­li­mi­schen Ländern. Er kenn­zeich­net den Umfang und die Folgen des Vergessens; sein Buch zählt sowohl die tra­gi­schen Kosten des Aufbaus des jüdi­schen Staates auf wie auch sei­ne gro­ßen Errungenschaften. Er fürch­tet um die Zukunft und ver­steht, dass Israel, um zu über­le­ben, sich sowohl an das Bittere als auch an das Süße erin­nern und sich damit aus­ein­an­der­set­zen muss.

Shavit und sei­ne Familie ver­brin­gen jeden Sommer in England, wo sein Urgroßvater, Herbert Bentwich, ein erfolg­rei­cher Anwalt und glü­hen­der Zionist war, der 1897 Palästina zum ers­ten Mal besuch­te. Ein hal­bes Jahrhundert spä­ter wur­de Palästina Israel, und das ers­te Mal seit der Zerstörung des Zweiten Tempels in 70 CE, hat­ten Juden eine phy­si­sche Heimat. Jerusalem befin­det sich nicht mehr nur im Gedächtnis oder im Gebet.

Israel war immer eine Geistes- und Gemüts­ver­fas­sung, in der die Diaspora lebendig war; jetzt ist es auch ein poli­ti­scher Staat. Die Diaspora ist zu einer Alternative gewor­den. Seit 66 Jahren sind die jüdi­sche Nation und die jüdi­sche Diaspora gedie­hen, sym­bio­tisch, von­ein­an­der abhän­gig und haben sich gegen­sei­tig Kraft gege­ben. Aber das ändert sich. Siedlungen im Westjordanland, Unterdrückung der Palästinenser, eine Regierung, die zuneh­mend von Extremisten regiert wird: Viele Juden in der Diaspora — wie auch vie­le israe­li­sche Juden — unter­stüt­zen die­se Politik nicht mehr, und sie äußern ihre Opposition.

Über die pro­ble­ma­ti­sche Negation der Diaspora

In sei­ner dich­ten, tro­cke­nen Studie, „At Home in Exile – Zuhause im Exil: Warum die Diaspora gut für die Juden ist“, argu­men­tiert Alan Wolfe, dass die Diaspora (sei­ne idea­le libe­ra­le Diaspora) mit ihrer Vielfalt, ihren uni­ver­sa­lis­ti­schen Werten und ihrer Offenheit für die säku­la­re Welt jetzt not­wen­diger sei als jemals zuvor. In sei­nem Buch, historisch-sachlich und pole­misch, ent­wirrt Wolfe die Argumente für und gegen die Diaspora, vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, vom frü­hen zio­nis­ti­schen Traum Palästinas als Heimat für die unter­drück­ten Massen ost­eu­ro­päi­scher Juden — finan­ziert durch wohl­ha­ben­de, west­li­che Juden (eine Ansicht, die sei­ner­zeit vom Richter des Obersten Gerichtshofs, Louis D. Brandeis, unter­stützt wurde) – bis zu zeit­ge­nös­si­schen Schriftstellern wie A.B. Yehoshua, die glau­ben, wie Israels ers­ter Ministerpräsident, David Ben-Gurion, dass nur in Israel ein Jude ein vollgül­ti­ges jüdi­sches Leben füh­ren kann.

Wolfe erin­nert uns dar­an, dass die Negation der Diaspora so alt ist wie der Zionismus. Wenn ein jüdi­sches Heimatland exis­tiert, wird argu­men­tiert, war­um soll­ten Juden außer­halb die­ser Heimat leben wol­len? Die Debatte über die Beziehung zwi­schen Israel und der Diaspora — und über die Legitimität der Diaspora — hat sich nicht beru­higt, glaubt er. Wolfe ver­bin­det die Frage mit einer ande­ren Kluft im jüdi­schen Denken: zwi­schen dem Universalismus — der Idee, dass die huma­nen Werte des Judentums der säku­la­ren Gesellschaft nut­zen kön­nen und sol­len — und dem Partikularismus, der besagt, dass Juden nur für sich selbst ver­ant­wort­lich sind (die fun­da­men­ta­le Frage „Ist es gut? für die Juden? “), und dass sie sich gegen die feind­li­che Außenwelt ver­tei­di­gen müssen.

Erinnerung an die jüdi­sche Aufklärung, Haskala

 

Moses Mendelssohn, Büste im Jüdischen Museum Berlin, Foto: James Steakley

Wolfes Definition des Universalismus bezieht sich auf die Haskala, die jüdi­sche Aufklärungsbewegung, die von Moses Mendelssohn im spä­ten 18. Jahrhundert in Berlin begrün­det wur­de. Als cha­ris­ma­ti­scher Philosoph kämpf­te Mendelssohn für die recht­li­che Emanzipation; er ermun­ter­te die Juden, Deutsch, Hebräisch (nicht Jiddisch) und jüdi­sche Geschichte zu stu­die­ren, sich in die heid­ni­sche Welt der Ideen und Kultur zu wagen, um das Europa, in dem sie seit tau­send Jahren gelebt hat­ten, anzu­neh­men. Die Haskala inspi­rier­te eine Blüte jüdi­scher Begabungen — Heinrich Heine und Felix Mendelssohn (Moses Enkel) — einen Zustrom von Juden in die libe­ra­le Politik und mit dem Reformjudentum eine Lockerung der reli­giö­sen Strenge. Es kam zu Assi­mi­la­ti­on und sogar Konversion; sowohl Heine als auch Felix Mendelssohn wur­den Christen. In Osteuropa mit sei­nen star­ken rab­bi­ni­schen und chas­si­di­schen Traditionen und sei­nem uner­bitt­li­chen Antisemitismus wuchs der Einfluss der Haskalah in jüdi­schen Schulen, in demo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen poli­ti­schen Bewegungen — und im Zionismus.

Während der Zionismus aus dem­sel­ben Holz geschnitzt war wie die euro­päi­schen natio­na­lis­ti­schen Bewegungen und deren Bedürfnis teil­te, die Gegenwart mit einer Rückkehr zur alten Vergangenheit zu legi­ti­mie­ren (die ers­ten moder­nen Olympischen Spiele wur­den 1896 in Griechenland abge­hal­ten, ein Jahr vor dem ers­ten zio­nis­ti­schen Kongress), waren Juden die Opfer die­ser Bewegungen. Das zio­nis­ti­sche Projekt gewann an Dynamik und Dringlichkeit mit der Erkenntnis, dass das Leben der Juden in Osteuropa unhalt­bar wur­de. Einige jüdi­sche Denker argu­men­tier­ten, dass der Zionismus eine neue Art von Juden erfor­der­te, nicht das Geschöpf der Diaspora, son­dern zähe und welt­liche, bereit, die Wüste zum Blühen zu brin­gen und, falls nötig, Feinde zu vernichten.

Nur eine klei­ne Anzahl von Juden zog um die Jahrhundertwende nach Israel: 75.000 zwi­schen 1882 und 1914, ver­gli­chen mit den Millionen, die nach Amerika ein­wan­der­ten, ihre Politik und ihren Zionismus mitbrach­ten und flo­rier­ten. Wolfe seziert die wech­seln­den Einstellungen der ame­ri­ka­ni­schen Juden gegen­über dem zio­nis­ti­schen Projekt. Viele Führer, dar­un­ter eini­ge pro­mi­nen­te Reform-Rabbiner, waren aus­drück­lich in Opposition gegen einen jüdi­schen Staat, sowohl von ihren Kanzeln her­ab als auch durch ihre Beteiligung an jüdi­schen Organisationen. Amerika war dort, wo Juden Frieden und Erfüllung gefun­den hat­ten: Palästina erschien ihnen wie ein ande­res Schtetl.

Aber als der Schrecken des Holocaust bekannt wur­de und Israel ein Staat wur­de, lös­te sich die Opposition auf. Wolfes Buch zeich­net eine intel­lek­tu­el­le Landkarte — eine Karte, mit deren Kreisverkehr, Kreuzungen, Einbahnstraßen und Sackgassen er ver­sucht, die Diaspora in Amerika (spe­zi­ell die Diaspora der asch­ke­na­si­schen Juden) tap­fer zu skiz­zie­ren: den Weg von den Schtetls in die Vorstädte reli­giö­se Praktiken, die den Fokus von Gott weg und hin zur Selbstverwirklichung ver­la­ger­ten, vom Judais­mus zur Jüdischkeit, von der Solidarität mit Israel zum Widerspruch.

Um die Diaspora zu ver­tei­di­gen, beto­nen Wolfe wie Shavit — mehr­mals in die zen­tra­le Bedeutung der Erinnerung. Wie erin­nert man sich an die Diaspora? War die Diaspora eine sich wie­der­ho­len­de Tragödie? Eine Geschichte des Leidens und der Unterdrückung, eine Krankheit des Geistes? Oder eine viel­fäl­ti­ge und oft exo­ti­sche Blüte? Lernte ein Volk, des­sen Heimat nur in der Erinnerung war, sich in der rea­len Welt eine Aufhebung die­ser Unterdrückung, das Potenzial für eine gerech­te und gerech­te Zukunft vor­zu­stel­len?

Die schö­ne, ver­schwin­den­de Musik mei­ner Familie, die seit etwas mehr als einem Jahrhundert blühte, ist eine klei­ne Geschichte, die die kom­ple­xen und flie­ßen­den Grenzen der jüdi­schen Identität und des jüdi­schen Glaubens in Europa, Amerika und Israel auf­zeigt. Es ist eine Geschichte der Verflech­tung, wie sie in Spanien, in Persien und in Italien vie­le Male im Laufe der Jahrtausende auf­taucht und wie­der in Vergessenheit geriet. Ironischerweise ist das Verschwinden unse­rer Musik auch ein Opfer des Zionismus-Projekts.

Mein Großvater, Abba Joseph Weisgal, wur­de in Kikl gebo­ren, einem Schtetl auf hal­bem Weg zwi­schen Warschau und Danzig in Polen. Er war das ältes­te von 11 Kindern. Sein Bruder Meyer, zehn Jahre jün­ger, wur­de zu einem maß­geb­li­chen ame­ri­ka­ni­schen zio­nis­ti­schen Journalisten, Impresario und Gründer eines der füh­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Forschungszentren der Welt, des Weizmann-Instituts für Wissenschaft in Rehovot, Israel. In Kikl dien­te ihr Vater als Chazzan oder Kantor und als Schochet, ritu­el­ler Schläch­ter. Obwohl Kikls Straßen schlam­mig und unbe­fes­tigt waren, war es von Wiesen umge­ben und in der Nähe gab es einen See, in dem die Kinder schwammen.

Als Meyer gebo­ren wur­de, lern­te Abba bereits im Hause eines Kantor in Nieszawa, einer Stadt in der Nähe der deut­schen Grenze. Im Jahr 1905 fuhr der Rest sei­ner Familie nach Amerika, trotz des­sen schreck­li­chen Rufs als Brutstätte der gefürch­te­ten Assimilationskeime. Abba, 19 und im Bann west­li­cher Musik, ging nach Wien, um bei einem der Schüler des gro­ßen Kantors Salomon Sulzer zu stu­die­ren. Meyer ver­gab Abba nie völ­lig, dass er Jiddisch und den Chassidismus auf­ge­ge­ben hat­te zuguns­ten des­sen, was Meyer in sei­ner Autobiographie eine „teu­to­ni­sche Form der Anbetung“ nannte.

Franz Schu­bert kom­po­nier­te für Salomon Sulzer

Salomon Sulzer, Lithographie von Eduard Kaiser, 1840

Sulzer, der um 1826 in Wien Kantor wur­de, revo­lu­tio­nier­te die syn­ago­ga­le Musik. Er har­mo­ni­sier­te sie und struk­tu­rier­te tra­di­tio­nel­le Gesänge so, wie sei­ne Zeitgenossen, die in Wien Beethoven und Schubert ein­schlos­sen, Volkslieder in hohe Kunst umwan­del­ten. Berühmt für sei­ne Lied-Interpretationen, wur­de Sulzer Mitglied von Schuberts musi­ka­li­schem Zirkel. Schubert leg­te meh­re­re hym­ni­sche Psalmen für Sulzers Chor vor. Nichtjuden und Juden besuch­ten Sabbat-Gottesdienste, um die Musik zu hören. 1904 muss­te die Hundertjahrfeier von Sulzers Geburtstag von der Synagoge in ein Theater ver­legt wer­den, um dem gro­ßen Publikum gerecht zu wer­den. Zu die­ser Zeit wur­de die Wiener Hofoper von Gustav Mahler, einem kon­ver­tier­ten Juden, gelei­tet, und Kantoren ver­folg­ten auch Opernkarrieren.

Sulzer gehör­te zu einer Generation gro­ßer Kantoren, die von der Haskalah genährt wur­den. Der Kantor Louis Lewandowski wur­de in Polen gebo­ren und kam 1834 nach Berlin. Felix Mendelssohn sorg­te dafür, dass der Junge die Berliner Akademie besuchten konn­te, wo er der ers­te jüdi­sche Absolvent wur­de. Wie Sulzer bewahr­te Lewandowski die alten Melodien in den Formen der Musik des 19. Jahrhunderts.

Einen ähn­li­chen Einfluss hat­te Samuel Naumbourg auf die fran­zö­si­sche Synagogenmusik. Geboren in Bayern, wur­de er 1845 Oberkantor von Paris. Er war ein pro­duk­ti­ver Komponist; sei­ne Melodien tei­len die hin­rei­ßen­de Üppigkeit der fran­zö­si­schen Oper, von denen zwei der erfolg­reichs­ten Komponisten jüdisch waren: Fromental Halévy und Giacomo Meyerbeer (ein frü­her und feu­ri­ger Anhänger Wagners, aber das macht nichts). Naumbourg edier­te auch ein neu ent­deck­tes Buch mit hebräi­scher Musik des ita­lie­ni­schen früh­ba­ro­cken Komponisten Salamone Rossi. Rossi, ein Kollege von Claudio Monteverdi, wur­de im frü­hen 17. Jahrhundert Hofkomponist der Herzöge von Mantua. Er kom­po­nier­te Madrigale und Sinfonien für den Hof und ver­ton­te hebräi­sche Psalmen und Gebete im glei­chen poly­pho­nen Stil, fast ohne Bezug zu tra­di­tio­nel­len Gesängen. „Der Herr hat mir neue Lieder in den Mund gelegt“, schrieb er unter Berufung auf Psalm 40. Naumbourg erkann­te, dass Juden in Italien zwei Jahrhunderte zuvor einen ähn­li­chen Moment der Freiheit gefun­den hat­ten, als sich Kulturen verban­den und es für einen Juden mög­lich war, in die säku­la­re Welt einzutre­ten, ohne sei­ne reli­giö­se Identität auf­zu­ge­ben. Ein Jahrhundert nach Naumbourg, in einer Post-Holocaust-Blüte der jüdi­schen Kultur in New York, hat mein Vater eine neue Ausgabe von Rossi zusammengestellt.

Die Musik von Komponisten des 19. Jahrhunderts wie Sulzer, Lewandowski, Naumbourg und ande­ren, ein­schließ­lich des Kapellmeisters am Stephansdom in Wien, der auch viel für die Synagoge schrieb, bil­de­te die Grundlage des­sen, was mein Großvater und mein Vater ihr Leben lang san­gen. Im Jahr 1908 wur­de Abba der stell­ver­tre­ten­de Kantor in der mäh­ri­schen Stadt Ivancice, etwa auf hal­bem Weg zwi­schen Prag und Wien; Gräber auf dem jüdi­schen Friedhof stam­men aus dem 15. Jahrhundert. Der Kantor, ein ande­rer Schüler Sulzers, ermu­tig­te ihn zum Komponieren. Abba hei­ra­te­te die Nichte des Kantors; mein Vater, Hugo Weisgall (er füg­te sei­nem Namen ein zwei­tes „l“ hin­zu), wur­de 1912 geboren.

Abba Weisgal: Letz­ter Kantor in der Linie von Sulzer

Drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er in der österreichisch-ungarischen Armee dien­te, schiff­ten sich Abba, mei­ne Großmutter, mein Vater und sein klei­ner Bruder Freddie nach Amerika ein. Abba hat für den Job als Kantor in Chizuk Amuno in Baltimore vor­ge­spro­chen, und die Gemeinde stell­te ihn sofort ein. Sein fun­keln­der Bariton reich­te bis ins Tenorregis­ter; er war statt­lich, mit dich­tem Haar und üppi­gem Schnurrbart. Er klei­de­te sich ele­gant, er trug einen Stock, er genoss ein Glas Schnaps. Sein Nusach oder sei­ne Gesänge waren trotz der Ängste sei­nes Bruders von unwi­der­steh­li­cher chas­si­di­scher Ekstase gefärbt. Als er sang, sprach er mit Gott und er wuss­te, dass Gott es hör­te. Er hat­te eine Begabung fürs Melodiöse; er war ego­is­tisch, stur, zutiefst freund­lich und äußerst lie­bens­wert. Er sang für den Rest sei­nes Lebens in die­ser Synagoge.

Die 1920er und 1930er Jahre waren das gol­de­ne Zeitalter der Kantoren in Amerika, aber Abbas Nusach zeig­te nicht das glei­che her­me­ti­sche ost­eu­ro­päi­sche Klagen sei­ner Jugend und der Millionen von jid­disch­spra­chi­gen Einwanderern in Amerika. Als letz­ter der gro­ßen Kantoren in der Linie, die von Salomon Sulzer abstamm­te, sang Abba auf eine stren­ge­re, weni­ger auf­fäl­li­ge Weise; es war ein Dialog mit dem Chor. Abbas Soli waren vir­tuo­se Kadenzen, melo­di­sche Riffs, jaz­zig in ihrer Erfindungsgabe. Abba und der Chor san­gen den gan­zen Gottesdienst. Von Zeit zu Zeit unter­brach der Rabbi, las einen Vers auf Englisch oder hielt sei­ne Predigt (die die Chormitglieder — und die Enkel des Kantors — für die Pause hiel­ten; wir zogen uns in das Vorzimmer des Chorlofts zurück, um Witze zu erzäh­len und Dame zu spielen ).

Aber das jüdi­sche Leben in Amerika ver­än­der­te sich, wur­de homo­ge­ner und ließ Teile der Vergangenheit hin­ter sich. Mein Vater, ein Gründer des Cantors Institute am Jewish Theological Seminary, sag­te ein­mal zu mir, er fin­de die Schüler hät­ten wenig Interesse dar­an, den mit­tel­eu­ro­päi­schen Musikkanon des 19. Jahrhunderts zu ler­nen. Als die Gemeinde Chizuk Amuno im Jahr 1968 in einen hoch­flie­gen­den, im Le Corbusier-Stil gebau­ten Komplex in der Vorstadt umzog, wei­ger­te sich Abba, dort­hin mit­zugehen. Er wür­de nicht am Sabbat fah­ren. Das neue Gebäude war kei­ne Schule, kein Ort für Studium und Gottesdienst, es war eine Art Heiligtum. (Wolfe ist fas­zi­niert von die­sen Synagogen.) Aus Dankbarkeit — und Schuld — behielt die Gemeinde das alte Gebäude in der Stadt für Abba. Ein stu­rer alter Mann, der nicht mit der Zeit gehen woll­te, wur­de in den Ruhestand ver­setzt. Mein Vater hat­te uns schließ­lich nach New York gebracht, aber wir fuh­ren in jedem Urlaub nach Baltimore zurück. 1974 grün­de­te eine Gruppe im alten Schul eine neue Gemeinde. Abba war ihr Chazzan, und der Rabbi war ein aus­ge­zeich­ne­ter Gelehrter. In der Chorloge bra­chen wir mit der Tradition und lausch­ten sei­nen Predigten. Als Abba nicht mehr sin­gen konn­te, wirk­te mein Vater als Chazzan.

Nachdem Abba gestor­ben war, ging mein Vater zu den Leitern der klei­nen Gemeinde in Rockland, Maine, und bot an, ihr Kantor zu wer­den. Für ein paar Jahre waren mein Bruder und ich der inad­äqua­te Chor, der die Musik gera­de noch am leben hielt sich bemüh­te, wie zehn Männer zu klin­gen. Trotz uns stieg die Teilnahme. Leute kamen, um mei­nen Vater zu hören. Es stell­te sich her­aus, dass in Midcoast Maine vie­le Juden leb­ten. Ein groß­zü­gi­ger und elo­quen­ter Rabbiner aus Portland begann mit mei­nem Vater Gottesdienste zu füh­ren. Ein Mitglied der Gemeinde, ein Kinderarzt mit musi­ka­li­scher Ausbildung und per­fek­tem Ton, hat einen Chor gegründet.

Die Mitgliederzahl wuchs, und im Jahr 2005 beschlos­sen die Leiter der Gemeinde, einen Rabbiner ein­zu­stel­len. Unsere Musik belei­dig­te sie; sie klang nicht israe­lisch. Das ist wahr; sie strotz­te von Diaspora. Wir haben weni­ger gesun­gen. Schließlich ging der Rabbiner weg. Wir sin­gen immer noch. Aber ich mache mir Sorgen. Wir sin­gen nur einen Bruchteil des­sen, was es gibt. Ich höre nur in mei­nen Gedanken vie­le von Abbas gro­ßen Chorsätzen Versatzstücken oder Ne’ilah, den schmerzlichen Schlussgot­tes dienst von Yom Kippur. Beim Passahfest haben wir Schwierigkeiten, uns an die Dutzende von Familienmelodien zu erin­nern, die wir gesun­gen haben, und fra­gen uns, wie viel unse­re Kinder in der Lage sein wer­den, zu behal­ten.

Das Passah-Hagadda endet auf die glei­che Weise, wie Ne’ilah endet, mit einer Erklärung: L’shana haba’ah b’Yerushalayim. „Nächstes Jahr in Jerusalem.“ Es war das letz­te Gebet, das mein Großvater in einer Synagoge gesun­gen hat­te, das letz­te Gebet, das mein Vater gesun­gen hat­te. Abba war Zionist und schrieb zio­nis­ti­sche Melodien für hebräi­sche Gebete. So vie­le Bäume kauf­te er in Israel im Namen sei­ner Enkelkinder; ich bin mir sicher, dass er einen gan­zen Wald sub­ven­tio­niert hat. Aber Abba war ein Kind der Diaspora.

Seine Musik, sei­ne fra­gi­le Mischung, enthält die Süße der Diaspora und ihre Widersprüche. Abbas Musik war zu jüdisch, und sie war nicht jüdisch genug. In Amerika ver­wan­del­ten jüdi­sche Komponisten von Abbas Generation — Irving Berlin, George Gershwin — die ame­ri­ka­ni­sche welt­li­che Musik. Im Jahr 1926 spiel­te Jascha Heifetz Schubert, Beethoven und Mendelssohn im Tal von Harod und heiligte so das Wunder, das die Pioniere her­vor­brach­ten. Meine Freundin, die Geigerin Miriam Fried, war eines jener Kinder des Holocaust, die in einer win­zi­gen Wohnung übten und spä­ter eine inter­na­tio­na­le Karriere mach­ten. Am Sabbat hör­te ihr Vater ein Radioprogramm mit Lewandowski und ande­ren Kantoren — eine Erinnerung, die von ihren Ursprüngen als Gebet abge­schnit­ten war. Obwohl der Zionismus eine säku­la­re Bewegung war, war die jüdi­sche reli­giö­se Musik, die die säku­la­re Welt wider­spie­gel­te, ver­däch­tig; es hall­te auch die Diaspora wider.

Abba Weisgal leb­te in einer Traum-Diaspora

Die Diaspora war eine Bedingung für Disputation, für Chance, für Bewusstseinsbildung. Sie war gefähr­lich; sie konnte zu Assimilation füh­ren, oder zum Tod. Salamone Rossi wur­de ver­mut­lich 1633 ermor­det, als öster­rei­chi­sche Truppen Mantua erober­ten und das Ghetto zer­stör­ten. Einige vene­zia­ni­sche Juden waren Rossis säku­la­ren Klängen ent­ge­gen­ge­tre­ten; sie sahen in sei­nem Tod eine Strafe Gottes. Niemand hat Gleichwertiges gewagt, bis Salomon Sulzer zwei­hun­dert Jahre spä­ter kam. In Ivancice trie­ben die Deutschen Sulzers Familie zusam­men, und sie star­ben in Theresienstadt. Die Fassade der Synagoge trägt noch bron­ze­ne hebräi­sche Buchstaben, die den Vers des Psalms wie­der­ge­ben: „Singet dem Herrn ein neu­es Lied.“ Die Sänger fan­den ein schreck­li­ches Ende: Sollte das ein­mal mehr die Schönheit der Musik negieren?

Dies könn­te eine ande­re Geschichte des Verlustes sein. Auf der ande­ren Seite wird die Musik immer noch gesun­gen und eini­ges wur­de auf­ge­nom­men. Wolfe argu­men­tiert, dass wir die Erinnerung an die Diaspora rekon­stru­ie­ren und nicht so leben müs­sen, als laue­re die Katastrophe um die Ecke. Gerade jetzt mag es nicht in der ame­ri­ka­ni­schen Diaspora lau­ern, aber in Ungarn und Frankreich gibt es ein Grollen. Dies ist eine Geschichte des Widerspruchs; Unter den jüngs­ten Diaspora-Juden, die Aliyah machen, sind ultra­or­tho­do­xe Amerikaner, die die Westbank besetzen.

In Baltimore leb­te Abba, als ob die gan­ze Welt jüdisch wäre; er bewohn­te eine Traum-Diaspora. Er ging jeden Tag zum Shul. Er hät­te in Mähren sein kön­nen, indem er ent­lang des schö­nen, lang­sa­men Flusses von Ivancice schlen­der­te, anstatt um den Stausee des Druid Hill Park her­um. Als die Juden aus­zo­gen und schwar­ze Familien ein­zie­hen woll­ten, warn­ten ihn die Menschen, dass er dort nicht sicher sei. Aber sei­ne neu­en Nachbarn spra­chen ihn als „Reverend“ an und küm­mer­ten sich um ihn, genau wie sei­ne alten Nachbarn.

Nächstes Jahr wer­den wir singen

Die Liebenswürdigkeit der Diaspora: Wolfe glaubt dar­an; Shavit ist zu ihr hin­ge­zo­gen. Shavit beschreibt Devon so, wie die Propheten das ver­hei­ße­ne Land beschrie­ben haben. Der Wolf wird mit dem Lamm leben, der Leopard sich mit dem Jungen hin­le­gen, wie Jesaja pre­dig­te. Er schreibt: „Mit sei­ner tie­fen Ruhe … hat England alles, was wir nie hat­ten und alles, was wir nie haben wer­den: Frieden.“ Aber er miss­traut die­ser Gelassenheit; er ver­mu­tet, dass auf Englands grü­nen Weiden und neben sei­nen sich schlän­geln­den Bächen sei­ne jüdi­sche Identität, sei­ne Unruhe und Energie ero­die­ren wird. Könn­te sein, könn­te nicht sein; die alten und schreck­li­chen Voraussagen, dass Assimilation die Juden aus­lö­schen werde, sind nicht wahr geworden.

Wenn ich dich ver­ges­se, Jerusalem, klag­te Jeremias in Babylon, möge mei­ne rech­te Hand ein­schrump­fen. Der Talmud wur­de im baby­lo­ni­schen Exil kodi­fi­ziert. Maimonides schrieb auf Arabisch, im Exil. Aber David, der lie­bens­wür­di­ge Sänger Israels und ein arbei­ten­der König, kom­po­nier­te bei der Arbeit. Er sang von grü­nen Weiden und stil­len Wassern, und er sang: Der Herr hat mei­ne Hände für den Krieg trai­niert … Ich habe mei­ne Feinde ver­folgt und sie ein­ge­holt. Davids Psalm ist kei­ne Metapher mehr. Ein jüdi­sches Haus, blü­hend, reich und aut­ark in einem alten, umkämpf­ten Stück Land — das ist die gefähr­li­che Realität des Zionismus. Israel ist wie­der eine Nation wie ande­re Nationen.

Am Yom Kippur rezi­tie­re ich: „Nächstes Jahr in Jerusalem“, aber ich hof­fe wirk­lich: Nächstes Jahr in Maine. Bei unse­ren Sedern haben wir es immer laut gesagt: Nächstes Jahr in Baltimore. Nächstes Jahr in New York, in Massachusetts, in Maryland. Nächstes Jahr in Jerusalem, der Gemütszustand, ein Ort des Friedens. Nächstes Jahr wer­den wir sin­gen, wo auch immer wir sind.

 

Die Bücher, auf die Deborah Weisgall verweist:

My Promised Land: The Triumph and Tragedy of Israel

By Ari Shavit

Spiegel & Grau. 445 S.

Das Buch von Ari Shavit in deut­scher Übersetzung:

Mein gelob­tes Land, Triumph und Tragödie Israels,

München 2015, 592 S.

 

At Home In Exile: Why Diaspora Is Good For the Jews

By Alan Wolfe

Beacon Press. 296 S.