Antisemitismus — wider das Erlösungssyndrom

Bemerkungen zu den Ursachen einer neu­deut­schen Judenfeindschaft von links

 

Von Peter Sühring

 

 

Im Folgenden wird ein Problem mei­ner Generation erör­tert: Wie kann man die wie zwang­haft beschwo­re­ne „deutsch-jüdische Symbiose“ und die auf sie fol­gen­de zwang­haf­te Antibiose, wie das Weiterleben der Nazi-Ideologie, die­sem Kulminationspunkt einer tra­di­ti­ons­rei­chen Deutschen Ideologie, in der Nachkriegsgeneration, bis hin­ein in deren lin­ke Wende um die Mitte der 60er Jahre und die noch­ma­li­ge rech­te Kehrtwendung von Teilen die­ser Generation seit Mitte der 90er Jahre im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutschland, kul­tur­ge­schicht­lich ver­ste­hen? Es geht dabei auch um eine Auseinandersetzung mit Anna Jokls meta­psy­cho­lo­gi­schen Schlussfolgerungen aus ihren psy­cho­ana­ly­ti­schen Kuren mit Jehuda und Volker in ihrer Berliner Praxis in den 50er Jahren, die sie in ihrem Bericht „Zwei Fälle zum Thema: Bewältigung der Vergangenheit“ ver­öf­fent­lich­te (zunächst hebrä­isch 1965, dann 1988 auf Deutsch im 81. Bulletin des Leo-Beack-Instituts und 1997 in Frankfurt/Main als Buch).

Die dort erzähl­ten lebens­be­dro­hen­den psy­cho­ti­schen Konflikte mit todes­bil­der­rei­chen Inhalten kön­nen nicht über­ra­schen, jeden­falls nicht jene, denen die bewuss­ten Dimensionen der Barbarei geläu­fig sind, die als nach­ge­bo­re­ne Deutsche sich im Wachhalten der Schmerzen, die Deutsche andern zufüg­ten, ver­sucht und geübt haben. Selbst die Qualen Volkers, des Deutschen, aus der von den Nazi-Vätern gezeug­ten Generation, der noch wäh­rend des Dritten Reiches nazistisch-elitär erzo­gen wur­de und des­sen leer­lau­fen­der Vernichtungswahn in Selbstzerstörung umschlägt, sind nur dem ers­ten Anschein nach weni­ger vor­stell­bar oder über­ra­schend. Auch vie­le Deutsche der Nachkriegsgeneration waren anfäl­lig für ähn­li­che see­li­sche Verwüstungen. Auch jen­seits der Schuldfrage kann der Schmerz ande­rer Völker schmer­zen, für den man his­to­risch, durch­aus natio­nal­ge­schicht­lich, zustän­dig und ver­ant­wort­lich ist. Auch die­ser sekun­dä­re Schmerz will, soll und kann ertra­gen sein. Wenn in den ver­drän­gungs­be­rei­ten, rela­tiv erfolg­rei­chen, vor dem Ausbruch der selbst­zer­stö­re­ri­schen Psychosen in gewis­ser Weise „glat­ten Typen“ wie Jehuda und Volker sich nach der Wiederkehr des Verdrängten der­ar­ti­ge Abgründe auf­tun – war­um soll­ten dann jene, die ver­ar­bei­tungs­be­reit unauf­hör­lich ange­foch­ten, zwei­felnd und trau­rig sind und sich von der schmerz­li­chen „Dauerpräsentation der Schande“ nicht abwen­den wol­len*, nicht auch dar­an zer­bre­chen kön­nen; war­um soll­ten sie zwar gefähr­det aber zugleich auch geret­tet sein? Sie befin­den sich in einem Zustand der Ernüchterung und des Unvermögens, die Nüchternheit als stän­di­ge Haltung zu bewah­ren, ähn­lich den Wunschdenkern einer neu­en Welt, die Alexis de Tocqueville in der Einleitung zu sei­ner Schrift „Die Demokratie in Amerika“ im Blick hat: „Eine durch­aus neue Welt bedarf einer neu­en poli­ti­schen Wissenschaft. Aber dar­an den­ken wir kaum: mit­ten in einem rei­ßen­den Strom trei­bend, hef­tet sich unser Blick hart­nä­ckig an ein paar Trümmerreste, die man am Ufer noch sieht, wäh­rend die Strömung uns mit sich führt und uns rück­lings dem Abgrund zuträgt“. Dieses Bild erin­nert unmit­tel­bar die berühm­te geschichts­phi­lo­so­phi­sche Phantasie Walter Benjamins ange­sichts einer Zeichnung Paul Klees mit dem Titel „Angelus novus“, obwohl mit ihr nach den zeit­ge­schicht­li­chen und bio­gra­phi­schen Umständen des Malers in den frü­hen zwan­zi­ger Jahren in München wohl eher eine sati­ri­sche Karikatur Adolf Hitlers beab­sich­tigt war.

Ganz unsen­ti­men­tal und viel­leicht etwas leicht­fer­tig hat­te ein auf­klä­re­risch akti­ver, säku­la­rer Jude in der DDR, Rudolf Schottlaender, den Gesichtspunkt der nach­träg­li­chen Mitverantwortung der Nachgeborenen zurück­wei­sen wol­len als er schrieb, daß „die Jüngeren, die damals noch Kinder oder noch nicht gebo­ren waren, nicht nur frei von Mitschuld, son­dern auch frei von Mitverantwortung sind“ und daß die Verantwortung ganz auf den juris­ti­schen Aspekt der finan­zi­el­len Wiedergutmachung zu beschrän­ken sei (sie­he sei­nen Aufsatz „Deutschtum und anti­se­mi­ti­sche Barbarei“, in: Synopsis, Würzburg 1988). Er weist zwar auf „eine nicht hin­zu­neh­men­de Begriffsverwirrung“ hin, die „sich aus dem undif­fe­ren­zier­ten Gebrauch des Wortes ‚Antisemitismus’ für jede Art von Feindschaft gegen Juden“ erge­be, denn es kön­ne „ein Judenfeind auch einer sein, der durch­aus kein Antisemit im ras­sis­ti­schen Sinne“ sei, aber er zog damals dar­aus den Schluss, „in der Bundesrepublik wer­den Menschen, beson­ders die jün­ge­ren, über­las­tet mit einer ihnen unge­recht auf­ge­bür­de­ten Verantwortung für die Schuld der Eltern und Großeltern. In der DDR wird die Bevölkerung sys­te­ma­tisch ent­las­tet von der Pflicht zu gerech­ter Einschätzung der Leistungen des jüdi­schen Volkes in Israel“. In Wirklichkeit war und ist die immer noch aku­te Tatsache zu beob­ach­ten, daß mit dem mili­tä­ri­schen Sieg über den  ras­sis­ti­schen Antisemitismus der Nazis das Wieder- und Neuaufkommen juden­feind­li­cher Vorurteile in Deutschland, zumal heu­te ange­sichts star­ker mus­li­mi­scher Einwanderung, noch lan­ge nicht gebannt ist. Wie weit die ideen­ge­schicht­li­chen und kul­tu­rel­len Wurzeln der Judenfeindschaft in Deutschland zurück­ge­hen und wie weit sie in Gegenwart und Zukunft viru­lent blei­ben, soll hier auf­ge­zeigt werden.

Jokls weit­rei­chen­de Bemerkungen über die deutsch-jüdische Symbiose betref­fen die in der bes­tia­li­schen und kalt­blü­ti­gen Vernichtung von Juden durch Deutsche sich mani­fes­tie­ren­de, von Heinrich Heine in sei­nem Shylock-Kommentar bereits aus­fin­dig gemach­te „Ähnlichkeit“ oder nega­ti­ve Anziehung oder sich bespie­geln­de Zerrbildhaftigkeit, spe­zi­ell die­ser bei­den trau­ri­gen Völker, des jüdi­schen und des deut­schen. Aus kata­stro­phisch ent­wi­ckel­ten sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Geschichtszusammenhängen her­aus voll­zog sich in Deutschland eine Adaptation des jüdi­schen Erlösungsgedankens, die ihn per­ver­tier­te und in sein Gegenteil ver­kehr­te. Albert Camus for­mu­lier­te in sei­ner Essaysammlung „L’homme revol­té“ noch rela­tiv neu­tral: „Jüdisch ist (im Christentum) der Begriff der Geschichtlichkeit, er fin­det sich in der deut­schen Ideologie wie­der“. Das geschichts­te­leo­lo­gisch kon­stru­ier­te jüdi­sche Heilsversprechen, christ­lich ver­bo­gen in eine Heilsgewissheit, wur­de vom deut­schen Nationalsozialismus neu­heid­nisch pro­fa­niert oder biologisch-materialistisch so umge­formt, aus­ge­spro­chen und voll­streckt, dass die angeb­lich bedroh­te ari­sche Rasse im ent­schei­den­den Sieg über das Böse ihre idea­lis­tisch pro­pa­gier­te Rettung erfährt. Zu die­sem Zweck trat ein muf­fi­ger, eben­so klein­geis­ti­ger wie grö­ßen­wahn­sin­ni­ger, eben­so geris­se­ner wie blind­wü­ti­ger Hanswurst auf die Bühne der deut­schen Geschichte und konn­te sich erfolg­reich für die Mehrheit der Deutschen (inklu­si­ve des Bildungsbürgertums) als Faszinosum, als von Gott gesand­ter Führer insze­nie­ren. Unabhängig von der Frage, ob Hitler wirk­lich Christ war oder Carl Schmitt wirk­lich Antisemit, kam die­se Konstellation sehr gut zum Vorschein, als Schmitt wäh­rend sei­nes Schlussworts auf der Tagung der Reichsgruppe Hochschullehrer des NS-Rechtswahrerbundes am 3. Oktober 1936 erklär­te: „‘Indem ich mich des Juden erweh­re’, sagt unser Führer Adolf Hitler, ‘kämp­fe ich für das Werk des Herrn’“.

Zu den his­to­risch ver­mit­tel­ten „cata­stro­phes teu­to­ni­ques“ zählt vor allem die Tatsache, daß die deut­sche Nation über Jahrhunderte hin­weg unfä­hig war, die ihr geo­po­li­tisch zuwach­sen­de Rolle eines Mittlers und Mischers zwi­schen Nord und Süd, wie Ost und West in Europa anzu­neh­men und kul­tu­rell aus­zu­fül­len. Stattdessen fühl­ten sich die Deutschen so, wie es die Juden als über­all unbe­lieb­tes Wandervolk nun wirk­lich waren: von bös­ar­ti­gen Feinden umzin­gelt, von arg­wöh­ni­schen Nachbarn bedroht. Noch in den fünf­zi­ger Jahren des 20. Jahrhunderts tön­te Heidegger in Vorlesungen, die sich „Einführung in die Metaphysik“ nen­nen: „Wir sit­zen in der Zange zwi­schen Rußland und Amerika!“ Fast immer taten sie so, als müss­ten sie ihre eige­ne Kultur behaup­ten oder in bedräng­tem Raum förm­lich aus dem Heimatboden stamp­fen. Daher die­ses hys­te­ri­sche secund­um non datur als Inbegriff nicht etwa einer angeb­li­chen Disziplin, die es in Deutschland kaum gibt (denn sie wäre ja eine sozia­le Form, mit Andersartigem, höl­der­li­nisch aus­ge­drückt harmonisch-entgegengesetzt leben zu kön­nen), son­dern als Inbegriff gera­de deut­scher Willkür und Disziplinlosigkeit.

Unmöglich könn­te man aus der Überlieferung deut­scher Volksbücher, Sagen, Märchen und Volkslieder eine Kultur rein deut­schen Ursprungs destil­lie­ren. Warum und wie käme sonst das Schlusslied aus der Pessach-Hagada als Kinderlied in „Des Knaben Wunderhorn“? Umso mehr aber geht aus jenen rät­sel­haf­ten Überlieferungen her­vor, dass sie aus meh­re­ren, zum Teil getrüb­ten Quellen (auch jüdi­schen und anti­jü­di­schen) gespeist, mit vie­len Wassern (auch jüdi­schen und anti­jü­di­schen) gewa­schen, mit viel­fäl­ti­gen Linien (auch jüdi­schen und anti­jü­di­schen) gekreuzt wur­den. Auffällig müss­te auch sein, wie die gesam­te roman­ti­sche Geschichtsschreibung der deut­schen Kultur und Poesie eines Eichendorff, eines Uhland etc. stets zu einer gesamt­eu­ro­päi­schen des Mittelalters sich aus­wächst. Aber in Wagners Opern wer­den die Stoffe einer chris­tia­ni­sier­ten mit­tel­eu­ro­päi­schen Mischkultur krampf­haft ger­ma­ni­siert, im Parsifal wird die Zwangsarisierung eines zeit­lo­sen Christus über­deut­lich: Gralsmystik als per­ver­tier­ter Erlösungszauber.

Bezeichnend ist auch, daß nur dem so pro­to­ty­pisch deutsch-jüdisch-symbiotischen Denker Walter Benjamin bereits in sei­ner Doktorarbeit 1919 auf­fiel, dass die Naherwartung des Reiches Gottes, daß der Glaube an einen ver­nunft­be­ding­ten unmit­tel­ba­ren Anbruch mes­sia­ni­scher Zeiten ein kon­sti­tu­ti­ves Element deut­scher Romantik und des Deutschen Idealismus war. Auffällig und selt­sam auch, dass der deutsch-jüdisch-symbiotische Denker Franz Rosenzweig, Verfasser eines „Sterns der Erlösung“, in sei­ner Kritik des deut­schen Idealismus behaup­te­te, die­ser füh­re, sei­ner spe­ku­la­ti­ven, apo­dik­ti­schen Abstraktionen wegen, zu einer geis­ti­gen und schließ­lich kör­per­li­chen Lähmung, zu einem „kran­ken Menschenverstand“ – um dann mit sei­nem „Neuen Denken“, sei­ner lebens­phi­lo­so­phi­schen, rea­li­täts­gläu­bi­gen „Überwindung“ des deut­schen Idealismus selbst eben­sol­cher Lähmung real zu erlie­gen. Seine geis­ti­ge und kör­per­li­che Lähmung – war sie nun Echo des Überwundenen, Folge des Überwindungskampfes oder Ausdruck des von ihm kon­stru­ier­ten „neu­en“ Erlösungsweges?

Wenn über­haupt irgend­je­mand, dann wäre Hölderlin die in Deutschland am wei­tes­ten gedie­he­ne Figur des Mischers. Selber eine Mischung aus süd­li­cher Kosmologie des Empedokles, jüdisch-maranischem Ketzertum des Spinoza, über sich selbst auf­ge­klär­ter west­li­cher Aufklärung des Rousseau, nörd­li­cher Individuationsaporie des däni­schen Prinzen Hamlet oder sei­ner Neuauflage in Gestalt des Peer Gynt und öst­li­cher Mystik „vom Kaukasos her“. Heidegger hin­ge­gen, auch mal wie­der als ein euro­päi­scher Philosoph des 21. Jahrhunderts titu­liert, wohl eher einer der Vertreter einer typisch deut­schen Geisteskrankheit des 20., wäre das direk­te Gegenbild zu Hölderlin, selbst da noch, sogar dort am ent­schie­dens­ten, wo er Hölderlin in den Schlund einer schwä­bi­schen Geistesmutter, an der die Welt gene­sen soll, her­un­ter zu zer­ren sucht.

Bei reli­giö­sen Juden jed­we­der cou­leur heißt der Erlösungsgedanke: daß es eines Tages gelin­gen könn­te, über die Starken die­ser Welt zu tri­um­phie­ren, um eine Neue Welt zu errich­ten, um die Zukunft von den Übeln der Vergangenheit zu befrei­en. Diese Vision ist hier absicht­lich falsch, näm­lich pro­fan for­mu­liert, um den fol­gen­rei­chen Irrtum außer­halb der jüdi­schen Religionssphäre zu demons­trie­ren, näm­lich daß die Wiederaufrichtung des Paradieses Menschenwerk sein kön­ne. In Wirklichkeit resul­tiert der Glaube an sie aus alt­he­bräi­scher Schöpfungsmythologie plus bibli­scher Prophetie plus rab­bi­ni­schem Messianismus mit allen nicht-normativen, nicht-eschatologischen, nega­ti­ven bis nihi­lis­ti­schen, agnos­ti­schen Methoden und exege­ti­schen Schattierungen der jüdi­schen Überlieferung in ihrem Umfeld. Bei Deutschen einer ganz bestimm­ten cou­leur heißt Erlösung: über die Schwachen die­ser Welt zu tri­um­phie­ren, um eine ver­al­te­te Welt zu ver­ewi­gen, um die Gegenwart von den Übeln der Zukunft zu befrei­en. Nicht nur Weltgericht, auch Weltbeglückung meint das escha­ton der jüdi­schen Geschichte als Ziel eines aus­er­wähl­ten Volks, das exem­pla­risch erfährt, was der erträum­te Wille Gottes auf Erden bewir­ken könn­te. Das dem „Herrenmenschen“ inne­woh­nen­de deut­sche Wesen, an dem die Welt gene­sen sol­le, kann man als die Herrschaft des Brutalsten nur mit Abscheu von sich weisen.

Auch wer wohlwollend-philojüdisch von der deutsch-jüdischen Symbiose redet, kann damit doch nur jene erzwun­ge­ne Symbiose mei­nen, näm­lich die Assimilation und schließ­li­che Verschmelzung bedräng­ter Juden mit der Kultur ihres „Wirtvolks“ unter Hintantstellung und schließ­li­cher Preisgabe ihrer Herkunft. Hätte sich je ein Deutscher zuge­traut oder zuge­mu­tet, sich an die Kultur des jüdi­schen „Gastvolks“ zu assi­mi­lie­ren und sich mit ihr zu ver­schmel­zen und dar­un­ter die deutsch-jüdische Symbiose ver­stan­den wis­sen wol­len? Auch in ihrer posi­tivs­ten Auslegung, etwa als ein eman­zi­pa­to­ri­scher Schritt säku­la­ri­sier­ter Juden in eine frem­de, aber auf­ge­klär­te Kultur, als Befreiung vom eige­nen repres­si­ven reli­giö­sen Milieu, ist die­se deutsch-jüdische Symbiose eine ziem­lich ein­sei­ti­ge Sache gewe­sen und war als die von Heine beschrie­be­ne Wahlverwandtschaft und geis­ti­ge Anziehungskraft sei­tens der Deutschen sozi­al nie sank­tio­niert worden.

Es gibt eine ande­re deutsch-jüdische Symbiose, die man unter­schwel­lig, mys­te­ri­ös, rät­sel­haft nen­nen mag, jeden­falls nur schwer­lich durch eine empi­ri­sche Geschichtserzählung auf­ge­hellt wer­den könn­te, die wirk­lich allein die­se bei­den Völker auch über den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Judenmord hin­aus auf pro­blem­be­la­de­ne Weise anein­an­der bin­det. Diese Symbiose kon­sti­tu­iert sich über den vom Christentum adap­tier­ten, fälsch­lich und unrecht­mä­ßig ererb­ten Erlösungsgedanken.

Innerhalb die­ser ver­que­ren Symbiose pas­siert die Umwandlung des Überbringers der Erlösungsbotschaft in das ver­nich­tungs­wür­di­ge Böse sel­ber, von dem es sich zu erlö­sen gel­te, um tau­send­jäh­ri­ges Glück zu erlan­gen. Bezeichnend für die­sen Vorgang sind die frü­hen michae­lisch auf­trump­fen­den Tagebücher von Joseph Goebbels, die­ses aka­de­misch Gebildeten unter den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verbrechern. Ein erlö­sungs­be­dürf­ti­ger, ‑süch­ti­ger, ‑wüti­ger Deutscher konn­te die Juden nur ver­til­gen wol­len als sein Unglück, wel­ches sich anma­ße, der Welt leh­ren zu wol­len, wor­in Erlösung bestün­de. Hier sind wir nun bei der lin­gua ter­tiae impe­rii ange­langt. Den zer­lump­ten Ostjuden, der auf Jiddisch, einem mit­tel­al­ter­li­chen deut­schen Dialekt, von Erlösung singt, kann der neu­hoch­deut­sche „Herrenmensch“ mit der für ihn erlö­sungs­mäch­ti­gen Vernichtungsmaschinerie nur zer­tre­ten wol­len. Die aus dem reli­giö­sen Sprachgebrauch stam­men­de, angloamerikanisch-euphemistische Bezeichnung „Holocaust“ für den nazis­ti­schen Völkermord an den Juden könn­te eigent­lich eine Erfindung der Nazis sein, um die­sen Völkermord euphe­mis­tisch als von ihnen in höhe­rem Auftrag zu voll­stre­cken­de Flammenstrafe, holo­caus­t­as heißt es in der Vulgata, zu recht­fer­ti­gen. Er wur­de insze­niert als kul­ti­sche Handlung einer sieg­rei­chen, aber nicht min­der wahn­sin­ni­gen, geis­tes­kran­ken Erlösungsexekutive und ‑exe­ku­ti­on.

Das päd­ago­gi­sche Klima, in dem wir als Nachkriegsgeneration groß wur­den, war auch nach 1945 noch anhal­tend natio­nal­so­zia­lis­tisch geprägt, gepaart mit lebens­ge­wöhn­li­chem Aufbaueifer und ‑stolz. Der Aufbaueifer ver­gaß den Abbau der Chemiefabriken, die das Gas nach Auschwitz lie­fer­ten. Das war eine noch­ma­li­ge his­to­ri­sche Verfehlung unse­rer Elterngeneration, wäh­rend wir als ihre Kinder in die Allgegenwart einer unauf­ge­ar­bei­te­ten Vergangenheit hin­ein­wuch­sen. Der Gaskrieg gegen das unbe­waff­ne­te und über ganz Europa zer­streu­te Volk der Juden drang des­we­gen nicht ins öffent­li­che Bewusstsein als das, was er war, näm­lich Völkermord und Kriegsverbrechen im Rahmen des Zweiten Weltkriegs. Dass nach der staats- und völ­ker­recht­li­chen Doktrin der Nazis und ihres in die­sen Fragen eine Zeitlang obers­ten Juristen Carl Schmitt, einem nicht-nationalstaatlich ver­fass­ten Volk, wie dem der Juden, ein Krieg erst gar nicht erklärt wer­den brauch­te, son­dern dass man es als „Schädling“ in der euro­päi­schen Großraumordnung aus­rot­ten durf­te – auch dies wur­de von den Eltern nach­träg­lich durch ihr Schweigen sanktioniert.

Gefährdete nach­ge­bo­re­ne Deutsche sind wir geblie­ben. Die ent­na­zi­fi­zie­ren­de Wirkung der impor­tier­ten ree­du­ca­ti­on fiel etwas dürf­tig aus und blieb unter­wan­der­bar. Kaum (und wenn, dann zu schwach) wur­de auf huma­nis­ti­sche, demo­kra­ti­sche, auf­klä­re­ri­sche, tole­ran­te Traditionen deut­scher Herkunft und Ausprägung, bei­spiels­wei­se des Vormärz, zurück­ge­grif­fen. Die Siegermächte der Anti-Hitler-Koalition heg­ten gegen unab­hän­gi­ge deut­sche Demokraten ein selt­sa­mes Misstrauen. Die Franzosen beleg­ten Alfred Döblin mit Schreibverbot, eine Zeitschrift wie „Der Ruf“ hat­te in der ame­ri­ka­ni­schen Zone Lizenzschwierigkeiten. Diesem Misstrauen kom­ple­men­tär ver­hielt sich ein selt­sa­mes Zutrauen zu die­nern­den oppor­tu­nis­ti­schen Überläufern aus den Reihen der Ex-Nazis. Interessant wäre, zu erfah­ren, gegen wen und war­um in der Schlussphase der Nürnberger Prozesse beim Übergang zum Kalten Krieg des neu­en Ost-West-Konflikts das Verfahren ein­ge­stellt wur­de – wegen soge­nann­ter „Geringfügigkeit“ der Verbrechen.

Gefährdet sind wir geblie­ben. Der lin­ke Protest um 1968 her­um blieb erstaun­lich unhis­to­risch, ver­krampf­te sich selbst­ge­recht, auto­ri­tär bis tota­li­tär und erlö­sungs­ge­wiss, schlepp­te viel abso­lu­tis­ti­sche Haltung aus der Kultursphäre mit, gegen die er zu pro­tes­tie­ren mein­te. Man den­ke nur an die Genickschuss-Phantasien der RAF, den Marmorklippenjargon ihrer Verlautbarungen und den für bei­de Seiten ver­rä­te­ri­schen Schutz, den die RAF bei den Staatssicherheits-Organen des SED-Staates such­te und fand.

Auch die, die nicht mehr in NS-Internaten groß wur­den, waren beschä­digt durch halb­na­zis­ti­sche Redensarten, Gewohnheiten, Lebensstile und Anforderungen von­sei­ten der Eltern und Lehrer. Diese Infiltrationen waren beglei­tet von einer mas­si­ven, sich selbst und uns betrü­gen­den Strategie der Elterngeneration, mit der sie ihre wil­li­ge Vollstreckung oder Duldung von Verbrechen ver­schwei­gen, wenn nicht gar leug­nen, beschö­ni­gen oder recht­fer­ti­gen woll­te. Weniger mora­li­sie­rend könn­te man dies auch psycho-technisch als die see­len­haus­häl­te­ri­sche Strategie der Abspaltung des Bedrängenden, sei­ner Verdrängung ins Nachbewusste bezeichnen.

Eine „lin­ke“ Überwindung die­ses Schlamassels ohne bedroh­li­che Wiederkehr des Verdrängten wäre erfolg­reich nur mög­lich gewe­sen als Gratwanderung oder ein Balanceakt, der zugleich im Widerspruch gegen par­tei­kom­mu­nis­ti­sche Verwüstungen der Seele sich hät­te bewe­gen müs­sen. Deren „Verlockungen“ aber konn­ten vie­le gera­de wegen der ange­bo­te­nen Heilung vom deut­schen Selbsthass nicht wider­ste­hen. Nur in einem Staatswesen wie dem der DDR konn­te nach dem zwei­ten Weltkrieg die deut­sche Spießerideologie von Zucht und Ordnung, von Gemeinschaftsgeist und Ausgrenzung Andersdenkender (derer auch, die sich nicht mit­freu­en konn­ten und sich wei­nend aus der Mitte der Jubelnden stah­len) so wir­kungs­voll über­dau­ern.** Keine der links­extre­men Organisationen Westdeutschlands, die aus der Studentenrevolte her­vor­ge­gan­gen waren, hat­te je den ost­deut­schen Schießbefehl an der inner­deut­schen Grenze als das bezeich­net und ver­ur­teilt, was er war: ein von Staats wegen orga­ni­sier­tes Verbrechen. Das Entlastende bestand dar­in, dass man das Schandbare, den poli­ti­schen Mord an schuld­lo­sen Menschen nun wie­der (wie die Eltern) als für einen guten Zweck oder eine his­to­ri­sche Mission not­wen­dig erach­ten und gut hei­ßen konn­te, ging es doch um die Rechtfertigung eines „anti­fa­schis­ti­schen Schutzwalls“. Oder man flüch­te­te (wie die Eltern) in ein viel­sa­gen­des Verschweigen die­ser Gewalttaten.

In die­se Zeit und die­ses Klima fällt auch die Begeisterung der west- und ost­deut­schen Linken jed­we­der cou­leur für die Strategie der PLO. Diese Situation hat Jean Bollack in einer tref­fen­den Charakterisierung der ver­zwei­fel­ten Stellung des Literaturwissenschaftlers Peter Szondi im Berlin der aus­ge­hen­den 60er Jahre beschrie­ben: „Ich den­ke, dass Szondi auf der Seite der Linken (bei den ‚Antifaschisten‘) den Nachhall einer älte­ren Gewalt wie­der­erkann­te, die unzu­rei­chend benannt wur­de (weni­ger als heu­te), und dass er sich mit den Positionen aus­ein­an­der­set­ze, die er zwan­zig Jahre zuvor ein­ge­nom­men hat­te. Der Antisemitismus ’von links’ hat­te ihm mitt­ler­wei­le die Augen geöff­net. Was sich wäh­rend des Zweiten Weltkriegs ereig­net hat, ist etwas sehr Unterschiedliches, das nicht mit die­sem Wort [Antisemitismus] bezeich­net wer­den kann, wel­ches auch immer die Rolle des Judenhasses in der Geschichte Deutschlands gewe­sen sein mag. Der Antisemitismus von rechts war nach dem Krieg von Gewicht, im Klima der Restauration und der Entnazifizierung“ (Jean Bollack, Sinn wider Sinn, Göttingen 2003, S. 166/67). Es wäre dem­nach in Wirklichkeit zu unter­schei­den zwi­schen: 1. einer kul­tu­rel­len, meist reli­gi­ös fun­dier­ten Judenfeindschaft der Christen und Muslime, einem ras­sis­ti­schen Antisemitismus, (der übri­gens älter ist als die nazis­ti­sche Ideologie [sie­he Moshe Zimmermann, Wilhelm Marr, The Patriarch of Antisemitism, New York 1986], die den ursprüng­lich auch gegen die Araber als Semiten gerich­te­ten Antisemitismus auf eine gegen Juden gerich­te­te eli­mi­na­to­ri­sche Strategie redu­zier­te), der auf der rechts­extre­mis­ti­schen Seite des poli­ti­schen Spektrums der alten Bundesrepublik und heu­te ganz Deutschlands über­lebt hat, 2. der Vernichtungsstrategie der nazis­ti­schen Machthaber, sowie 3. einer erneut auf­ge­kom­me­nen Judenfeindschaft auf Seiten der orga­ni­sier­ten extre­men Linken. Ob die neu­es­te Spielart einer gegen isla­mi­sche Einwanderung gerich­te­ten, sich sel­ber christlich-jüdisch gerie­ren­den Xenophobie neo­na­tio­na­lis­ti­scher Kreise ihrem inne­ren Wesen nach nicht auch anti­se­mi­tisch zu nen­nen ist, wäre zu prü­fen. Zudem gibt es eine per­vers anmu­ten­de rechts­ra­di­ka­le Strömung in Deutschland, die den ara­bi­schen Islam zum gefähr­lichs­ten Feind erklärt und dabei auf den vor­bild­haf­ten Widerstand des jüdi­schen Staates wie auf ein Bollwerk zu bau­en gewillt ist.

Daß auch die Nachgeborenen dem mas­sen­neu­ro­ti­schen Zusammenhang, den der Nationalsozialismus pro­du­zier­te, nicht gnä­dig ent­ho­ben sind, weder durch eine spä­te***, noch durch eine west­li­che oder öst­li­che Geburt, muss im heu­ti­gen Deutschland betont wer­den, in dem, über 25 Jahren nach der Beendigung der Teilung, Verharmlosungen und Relativierungen der Naziverbrechen zwar nicht Oberhand zu gewin­nen dro­hen, aber die kol­lek­ti­ve Lust dar­an zunimmt und die Widerständigkeit ein­zel­ner renom­mier­ter Intellektueller, dage­gen zu hal­ten, abnimmt. Einige ehe­ma­lig lin­ke oder sich immer noch als Linke ver­ste­hen­de Autoren mein­ten, sich aus­ge­rech­net als Gastautoren des rech­ten Intelligenzblatts „Jungen Freiheit“ gegen angeb­lich unge­recht­fer­tig­te Vorwürfe, sie sei­en „Antisemiten“, ver­wah­ren zu müs­sen. Zu der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Schieflage gehört auch die Tatsache, dass eine durch­aus gebo­te­ne Kritik am israe­li­schen Araberhass, am mili­ta­ris­ti­schen Vorgehen der rechts­ra­di­ka­len israe­li­schen Regierung in den Palästinensergebieten, an ihrer de fac­to Ein-Staat-Politik, d.h. an der bereits voll­zo­ge­nen Annexion des Westjordanlands ein­her­geht mit einer aus his­to­ri­schen und poli­ti­schen Gründen sich ver­bie­ten­den Rechtfertigung des Terrors eini­ger Palästinensergruppen, der zu legi­ti­men Widerstandshandlungen umge­deu­tet wird. Der paläs­ti­nen­si­sche Terror wür­de, wie pro­gram­ma­tisch erklärt wor­den ist, wenn er als Widerstand gegen die Besatzung (die immer mehr zu einer fak­ti­schen, unein­ge­stan­de­nen Annexion gewor­den ist) erfolg­reich gewor­den wäre, d.h. die Gründung eines Palästinenserstaates auf der Basis eines Friedensvertrags voll­zo­gen wer­den könn­te, nicht etwa auf­hö­ren, son­dern erst, wenn der Staat Israel zer­stört wäre. Eine Beschönigung und eine sich mora­lisch als „anti­im­pe­ria­lis­tisch“ auf­wer­fen­de Verteidigung die­ses paläs­ti­nen­si­schen Terrors (inkl. still­schwei­gen­der Duldung der Tötung von in Israel woh­nen­den Überlebenden des nazis­ti­schen Judenmords und deren Familienangehörigen) haben ihre emo­tio­na­le Wurzel in den Traditionen einer noch nicht über­wun­de­nen Judenfeindschaft von links und gehen in ihren Resultaten auf­fäl­lig mit denen des ras­sis­ti­schen Antisemitismus von rechts konform.

 

*Abwenden von der „Dauerpräsentation unse­rer Schande“ emp­fahl der deut­sche Schriftsteller Martin Walser in sei­ner Dankesrede für den Friedesnpreis des deut­schen Buchhandels 1998. Mittlerweile hat sich Walser von die­ser Rede distanziert.

**Anspielung auf die zu bedeu­ten­den staat­li­chen Anlässen gern gespiel­te „Ode an die Freude“ von Beethoven (im Finalsatz der 9. Sinfonie) auf  Verse von Friedrich Schiller.

***Der deut­sche Bundeskanzler Helmut Kohl sprach von der „Gnade der spä­ten Geburt“: Als Deutscher zu jung gewe­sen zu sein, um in der Wehrmacht, der SS oder auch nur als Buchhalter sich am indus­tria­li­sier­ten Massenmord an den euro­päi­schen Juden mit­schul­dig gemacht zu haben.

Peter Sühring, Jahrgang 1946, ist Musik- und Literaturwissenschaftler. Er pro­mo­vier­te 2006 über Mozarts Kindheitsopern. Für Brouillon schrieb er zuletzt über die Dichterin Getrud Kolmar: Gertrud Kolmar: Personenkonstellationen