Konstruktives Ingenium, enorme Klangphantasie: Zum Orchesterstück „Ramal“ von Kareem Roustom

Keine Vorrede, kei­ne umständ­li­che Einleitung: „Energico“ lau­tet die ers­te Vortragsbezeichnung, rhyth­misch reiz­voll zischt das Orchester-Tutti los. Die rhyth­mi­sche Formel – Wechsel von beton­ten und unbe­ton­ten Schlägen in krum­men Taktarten, wie sie ähn­lich Bartók lieb­te – gab dem Stück den Titel: „Ramal“, ein tra­di­ti­ons­rei­ches, schon in prä­is­la­mi­schen Zeiten ver­wen­de­tes Versmaß, das auch noch in man­chen Passagen der Erzählungen der Scheherazade (1001 Nacht) vorkommt.

Roustom bei den Proben im Studio der Württembergischen Philharmonie Reutlingen am 1.12.2018, Bild Brouillon.art

Überaus span­nend ent­fal­tet der 1971 gebo­re­ne Kareem Roustom den Verlauf, die Tempi und die Farben. Bis auf den Titel deu­tet nichts auf ara­bi­sches Kolorit; die weni­gen Figurationen, denen eine ori­en­ta­li­sche Affinität zuzu­schrei­ben wäre, könn­ten eben­so­gut aus bei­spiels­wei­se den rumä­ni­schen Tänzen von Bartók her­ge­lei­tet wer­den. Tempo und Wucht haben die ers­ten Abschnitte, laden weni­ger zur Kontemplation ein als viel­mehr zu (reflek­tier­ter) Praxis.

Balancen: Gebrochen wird der appel­la­ti­ve Gestus durch nach­denk­li­che, zuwei­len wie trau­ern­de Züge, arti­ku­liert von tie­fen Streichern, apar­ten Bläsermischungen und inge­ni­ös ein­ge­setz­tem Schlagwerk – Roustom sind hier Sounds geglückt, die so noch nie zu hören waren, gip­felnd in eini­gen Takten, in denen die laut­hals kla­gen­de vox huma­na mit rein instru­men­ta­len Mitteln beschwo­ren wird. Besonders deut­lich wird eben sei­ne enor­me Klangphantasie in die­sem „Subito mis­te­rio­so“ Abschnitt; vor­züg­lich der Einsatz von Röhrenglocken, Harfe und dan­se macab­re Momenten des Xylophons. Zart scheint, für eini­ge weni­ge Takte die klin­gen­de Allegorie des lie­ben­den Menschenpaars in all dem Tumult auf, Mann und Frau, Violin- und Flötensolo.

Entspannt nach gelun­ge­nen Proben: Roustom im Gespräch (Studio der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, 1.12.2018) Bild: Brouillon.art

Gewidmet ist das 2014 ent­stan­de­ne Werk dem Andenken an den Literatur- und Kulturwissenschaftler Edward Said, nament­lich des­sen ein­fluss­rei­chem Großessay „Orientalismus“, der für die Debatte des Postkolonialismus in den inter­na­tio­na­len Kultur- und Gesellschaftswissenschaften außer­or­dent­lich frucht­bar war. Said kri­ti­sier­te unter ande­rem die euro­päi­schen Projektionen im Blick auf die ara­bi­sche Welt und ihre Geschichte.

Objekt sol­cher Projektionen oder Missverständnisse könn­te „Ramal“ und sein Komponist selbst immer noch wer­den. Die Lokalpresse (sie­he unten) ten­diert jeden­falls dazu, ihn kur­zer­hand als ara­bi­schen Komponisten zu bezeich­nen, mit der Betonung auf ara­bisch, statt rich­ti­ger als US-amerikanischen Komponisten mit ara­bi­schem Vater, und daher bes­se­rem Zugang zur Musik aus die­sem Raum. Roustom scheint mit west­li­cher Musik und ihrer Tradition jeden­falls min­des­tens so ver­traut zu sein wie sei­ne euro­päi­schen Kollegen. Manchen dürf­te er über­le­gen sein.

Der Autor hör­te das Stück in den Proben (für neue Werke lädt die Württembergische Philharmonie Reutlingen dan­kens­wer­ter­wei­se zu einem „Entdeckerabend“ ein), der Generalprobe und schließ­lich im Konzert am 3. Dezember 2018 unter der Leitung des vor­züg­li­chen Dirigenten Fawzi Haimor.

Übrigens: die loka­le Presse in Tübingen und Reutlingen ver­sag­te weit­ge­hend. Purer Nonsens stand im Tübinger Blatt, wie, Roustom sei im ara­bi­schen Raum „ver­wur­zelt“. Nein, ist er gera­de nicht. Entscheidende Jahre sei­ner Jugend leb­te und arbei­te­te und hör­te er in den USA, muss­te sich den Zugang zur Musik des ara­bi­schen Raums erst erobern. (Überhaupt wird mit der „Wurzel“-Metapher viel Unfug getrie­ben. Der Mensch ist doch kein Gemüse, kein Salatkopf). Nur zir­ka 5 Prozent ihrer Zeilenzahl wid­met die wacke­re Lokal-Kritikerin der Reutlinger Erstaufführung, den Rest dem hüb­schen Fagottkonzert von Weber und der 152. Wiederholung einer Tschaikowksy-Sinfonie. Sapienti sat.

Thomas Ziegner