Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl

Hanns Eisler: Komponist, Weltbürger, Revolutionär

Die Maßstäbe set­zen­de Biographie von Friederike Wißmann

Hanns Eisler um 1940
Wikicommons

Wir Komponisten soll­ten ein­mal ernst mit uns reden. Wir tun immer so, als ob wir die Welt ver­än­dern könn­ten. Leider ist das umge­kehrt: Die Welt ver­än­dert uns.“

Hanns Eisler; statt Komponisten kann man even­tu­ell auch Sozialisten einsetzen

Er hass­te das, was er „die Dummheit in der Musik“ nann­te, schal Gewordenes, Sentimentales, und er ärger­te sich, dass man auch in der ver­bli­che­nen DDR den Rachmaninow öfter spiel­te als ihn, den Hanns Eisler. Er ver­fer­tig­te die Nationalhymne zu den Versen von Johannes R. Becher („Auferstanden aus Ruinen…“) und ist damit wohl der ein­zi­ge Komponist, des­sen Hymne unter­des der zuge­hö­ri­ge Staat abhan­den kam. Der staats­tra­gen­de Becher war etwas ner­vös, als Eisler die Hymne in kür­zes­ter Zeit skiz­zier­te. Der Komponist befand tro­cken: „Sowas macht man ent­we­der rasch oder gar nicht“.

Lust auf Eislers Werke macht die Biografie, die Friederike Wißmann 2012 zum 50. Todestag des immer noch zu wenig auf­ge­führ­ten Komponisten vor­leg­te. Statt sich über lebens­ge­schicht­li­che Episoden den Kompositionen anzu­nä­hern wählt die Autorin den umge­kehr­ten Weg: Sie cha­rak­te­ri­siert kun­dig und ohne Fachworthagel die Werke, und die rele­van­ten zeitgeschichtlich-biographischen Umstände arbei­tet sie ein.

Vorzüglich bewährt sich die­se Methode, heu­te wohl die ein­zi­ge, in der Künstlerbiographien über­haupt nütz­lich und gou­tier­bar sind. In vier­zehn Kapiteln – eine schö­ne Huldigung an Eislers kam­mer­mu­si­ka­li­sche „Vierzehn Arten, den Regen zu beschrei­ben“ – wer­den zwölf Hauptwerke des Meisters so ein­dring­lich ana­ly­siert, dass man das Fehlen von Notenbeispielen nur wenig bedau­ert. (Vielleicht soll­ten des Notenlesens unkun­di­ge Leser nicht abge­schreckt wer­den). Jeder jun­ge Sänger oder Pianist, der sich erst­mals mit Eisler beschäf­tigt, wird von der Lektüre pro­fi­tie­ren; eben­so jeder Hörer, der etwa die „Zeitungsausschnitte“ oder das „Hollywooder Liederbuch“ anhört.

Die poli­ti­schen Wirren, in die Eisler sich ein­misch­te und unter denen er zu lei­den hat­te (in Hitler-Deutschland, den USA der McCarthy Ära, zuletzt noch in der sta­li­nis­tisch gepräg­ten frü­hen DDR) schil­dert Wißmann bemer­kens­wert knapp, prä­zis und unauf­ge­regt: eine Autorin, die Ambivalenzen zu benen­nen sich dan­kens­wer­ter­wei­se nicht scheut. Übrigens: In der frü­hen BRD wur­de Eisler als „Komponist der Spalterhymne“ dif­fa­miert und boy­kot­tiert; erst im Gefolge der Studentenbewegung 1968 kam er lang­sam ins öffent­li­che musi­ka­li­sche Bewusstsein. Besonders beliebt bei uns, den lin­kisch die gene­ra­tio­nen­lang ver­säum­te Rezeption Nachholenden, war das „Einheitsfront-Lied“: (Und weil der Mensch ein Mensch ist / drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern…“). Später erst fan­den Musiker mit Nähe zum Milieu zur Klaviersonate, den „Zeitungsausschnitten“, dem Hollywooder Liederbuch“ und den „Ernsten Gesängen“; deren Hölderlin-Vertonung mit den Zeilen schließt:

Und daß mir auch, wie andern, eine blei­ben­de Stätte sei,

sei du, Gesang, mein freund­lich Asyl.“

 

Friederike Wißmann: Hanns Eisler. Komponist, Weltbürger, Revolutionär. München 2012, 300 S

Zur Zeit ist das Buch ver­grif­fen, nur noch ver­ein­zelt anti­qua­risch oder als E‑Book zu haben.

Eine Neuauflage wäre wünschenswert.

Prof. Friederike Wißmann

Die 1973 in Münster gebo­re­ne Autorin lehrt Musikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Sie arbei­te­te an der Eisler Gesamtausgabe mit und war Herausgeberin von Eislers „Johann Faustus“-Fragmenten. Zuletzt publi­zier­te sie den 500seitigen Großessay „Deutsche Musik“, den wir in Kürze vor­stel­len wer­den. Thomas Ziegner