Bürstelnde Promis oder: Schillers Halbkugeln einer bessern Welt

Fußnote zur Antiquiertheit des Menschen-Auch eine Huldigung an Stephanie Clifford

 

Von Sepp Zeitblom

 

Fotos göttlicher Busen, präziser: Brüste, „Halbkugeln einer bessern Welt“ (laut Schiller) zuhauf in fotogenen Perspektiven, dazu reißerische Anlockzeilen wie „Endlich XY mit ZV“ oder „Fassungslos, 50jährige XY schockiert mit Nacktfotos“, und zur wahrhaft gründlichen Information werden die Bildln naturgemäß in voller Pracht gezeigt. Viele Online-Portale auch angeblich seriöser Magazine leisten sich bekanntlich inzwischen umfangreiche Abteilungen, die oft „Panorama“ heißen, also soviel wie „herrlicher Rundblick“ oder „schöne Aussicht“. Die Texte sind meist läppisch, handeln von Exemplaren der menschlichen Gattung, die unter dem Etikett „Promis“ subsumiert werden. Hinreichende Bedingung um den Promi-Status zu erlangen, ist die Präsenz in Fernsehen, Film, Funk oder Youtube.

Hin und wieder schafft es das Promi sogar übern Strich, wenn es dank Fernsehpräsenz und der Nachhilfe gewiefter Medienprofis (Cambridge Analytica beschäftigt gut ausgebildete empirische Sozialwissenschaftler) politische Ämter erwischt. Ihre höchst privaten, ihre intimsten Regungen werden öffentlich. Endlich erfährt das Publikum, wie sie bürsteln. Luis Bunuel hätte so etwas früher filmisch umgesetzt, in gesellschaftlich-politische Zusammenhänge eingebettet. (Eingebettet ist hier vielleicht, pardon, zu verfänglich, sagen wir lieber kontextualisiert). Heut braucht es das nicht mehr; die „Infos“, außer vielleicht den vertraulichen Dispositionen der exklusiven Entscheidungsgremien, der Rackets, sind ja alle da.

Und so kommt uns ein Mann, ein Promi, menschlich näher, der gern die Nähe von Frauen sucht, die im Film bürsteln oder wenigstens das Bürsteln simulieren. Er war Kandidat, als das pikante Rencontre stattfand, und hatte wohl so etwas wie Lampenfieber, als er der mit üppigen Halbkugeln ausgestatteten, ansehnlichen „Adult-Film“ Aktrice im Hotelzimmer gegenüber saß. Folglich erzählte er von seinen Großtaten, blies sich auf, zeigte ein Magazin, das ihn höchstselbst auf dem Cover abbildete. Was aber tat die kluge, einfühlsame, großzügige Frau (Künstlername: Stormy Daniels)? Sie bot an, ihm mit eben diesem Magazin den Hintern zu versohlen. Nach dieser Prozedur sei das männliche Promi ganz nett geworden, berichtet das weibliche. Sogar potent im weiteren Verlauf – das Brennen auf der Haut, die gesteigere Durchblutung des alterhalber ein wenig schlaff werdenden Glutäus maximus wirkte und „Here we go“, sagte die einfühlsame und großzügige Frau.

Was lernen wir daraus? Eigentlich nichts. Allenfalls, dass die Entfernung der angeblich sexistischen Verse von Gomringer von der Wand Der Berliner Hochschule Bibel soll wegen Sexismus gekürzt werden angesichts des „Panorama“-Überangebots vielleicht etwas überzogen war. Ach, und statt eines ausladendend Dekolletes die einschlägige, vielleicht aus den Klassiker-Ausgaben künftig zu entfernende Strophe von Schiller:

(…)

Und zehenmal das Halstuch fällt,

Und aus den losen Schlingen,

Halbkugeln einer bessern Welt,

Die vollen Brüste springen,

(…)