Before The Fall- Vor dem Fall: Deutsche und österreichische Kunst der 1930er Jahre (1)

This is no time for bystan­ders. “Before the Fall” reminds us to be vigi­lant. (Dies ist kei­ne Zeit für Gaffer. „Before the Fall“ erin­nert uns dar­an, wach­sam zu sein)

Roger Cohen, New York Times vom 13. April 2018, in sei­nem Kommentar zum der­zei­ti­gen US-Präsidenten, unter der Überschrift: Tethered to a Raging Buffoon (Angekettet an einen toben­den Hanswurst)

Wer wie wir gera­de nicht nach New York flie­gen kann, um die wohl exzel­len­te Ausstellung „Before The Fall — German and Austrian Art of the 1930s“ zu besu­chen, kann sich mit dem gewiss exzel­len­ten, bei Prestel erschie­ne­nen  Katalog trös­ten. Aus dem eige­nen Bestand und mit vie­len bedeu­ten­den Leihgaben prä­sen­tiert die Neue Galerie rund 150 Werke, Gemälde, Zeichnungen und Photographien deut­scher und öster­rei­chi­scher Künstler. Arbeiten der welt­be­kann­ten Maler von Beckmann, Dix, Ernst und Kokoschka sind zu sehen, dane­ben aber auch vie­le von heu­te fast ver­ges­se­nen Künstlern, die dem Vergleich mit den gro­ßen Kollegen meist stand­hal­ten. Alle Arbeiten sind im Katalog in vor­züg­li­cher Qualität abge­bil­det, und die instruk­ti­ven (kunst­his­to­ri­schen Aufsätze sind mit gut gewähl­ten Fotos illus­triert, aus denen sowohl zeit-und sozi­al­ge­schicht­li­che wie phy­sio­gno­mi­sche Einsichten zu gewin­nen sind.

Richard Oelze: Erwartung, 1936. Museum of Modern Art, licen­sed by SCALA-Art-Resource NY

Über die Hälfte des Bildes beherrscht ein unfreund­li­cher, feind­se­li­ger Himmel, auf den eher der Bildbetrachter blickt, wäh­rend fast alle der mit meist gleich­för­mi­gen Hüten ver­se­he­nen, qua­si uni­for­mier­ten Figuren, bis auf zwei oder drei Frauen lau­ter Männer in Trenchcoats, da auf einer leich­ten Anhöhe ste­hend, nach vorn in eine dunk­le, undeut­li­che, ver­hüll­te Tiefe schau­en, wie in einen ver­bor­ge­nen Abgrund. Kaltweißes Licht im Vordergrund, fah­le Farben, Totenblässe fast. Eine ver­blüf­fend stim­mi­ge lite­ra­ri­sche Parallele zur Erwartung Oelzes ent­deckt der Autor Andreas Huyssen in der Erzählung „Septembergewitter“ des fast ver­ges­se­nen Dichters Friedo Lampe. Huyssens Essay zur Neuen Sachlichkeit („A Literature of Disentchantment — From Weimar into the third Reich“)  bie­tet eine kon­zi­se Zusammenschau von kultur- und sozi­al­ge­schicht­li­chen Essentials der Zwischenkriegszeit und streift auch wich­ti­ge Gedanken eini­ger nicht eigent­lich zur Neuen Sachlichkeit zu zäh­len­den Autoren wie Ernst Bloch oder Siegfried Kracauer.

 

Figuren wie „Der Krieger“ und etwas spä­ter „Der Arbeiter“ wur­den, auf wech­seln­dem Niveau, von bedeu­ten­den Autoren wie Ernst Jünger ver­herr­licht. Im Bestreben, den kol­lek­ti­ven Rausch des Kriegseintritts 1914 nach der als schmach­voll emp­fun­de­nen Niederlage wie­der zu erle­ben, vom „Burgfrieden“ des Kaiserreichs zur „Volksgemeinschaft“ des deut­schen Faschismus zu gelan­gen, schreck­te die reichs­deut­sche radi­ka­le Rechte vor Morden nicht zurück. Freikorps und Schwarze Reichswehr soll­ten mit den Resten der sans phra­se Linken auf­räu­men. „Make Germany gre­at again – Das Reich soll­te neu erste­hen“. Faschistische Kulturbünde for­der­ten die Säuberung von Universitäten, Bibliotheken und Museen von abwei­chen­den Gedanken, Schriften und Bildern. Mit Erfolg, sogar schon vor 1933. Es ist einer der vie­len Vorzüge im eröff­nen­den Essay von Olaf Peters, an die Geschehnisse im Land Thüringen zu erin­nern, wo die Nazi-Partei ab 1930 an der Regierung betei­ligt war.

Weil die kul­tu­rel­len Errungenschaften der von vie­len unge­lieb­ten Weimarer Republik für demo­kra­ti­sche Tugenden stan­den – Pluralismus, Diversität, Ideenreichtum – soll­ten sie besei­tigt und durch der faschis­ti­schen Ideologie ent­spre­chen­de Produkte ersetzt wer­den. So lehr­te die Thüringer Kulturpolitik des Nazi-Innenministers Frick ab 1930, was spä­ter in ganz Deutschland und dem okku­pier­ten Europa geschah. Olaf Peters:

In Thüringen stell­te sich das Unternehmen, eine neue kul­tu­rel­le Ordnung zu eta­blie­ren, als ein gewalt­tä­ti­ges her­aus. Es bedien­te sich der Formen von Dekreten, Eingriffen in Museumsbestände (ver­hass­te Werke moder­ner Kunst wie von Otto Dix und Paul Klee wur­den abge­hängt), Kunstwerke zer­stört (wie die Bauhaus-Fresken von Oskar Schlemmer und sei­nen Studenten in Weimar), Entlassungen von Professoren und Umwidmung von Universitäts-Lehrstühlen. Die Propaganda und Agitation rich­te­te sich all­ge­mein gegen die Moderne…“

Thomas Ziegner

 

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Horn

 

BEFORE THE FALL

Katalog zur Ausstellung in

Neue Galerie New York

Herausgegeben von Olaf Peters

 

Gebundenes Buch (engl.), Leinen mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 23,5 x 28,5 cm, 109 far­bi­ge Abbildungen, 91 s/w Abbildungen

ISBN: 978–3‑7913–5760‑7

€ 49,95 [D] | € 51,40 [A] | CHF 69,00* (* emp­foh­le­ner Verkaufspreis)

Verlag: Prestel 

Erschienen:  15.03.2016

Neue Galerie New York