Shoah:“…dass es Nichtzeigbares gibt“. Im Alter von 92 Jahren ist Claude Lanzmann gestorben

Und ich habe mir ein­ge­bil­det, dass es bei Shoah ein Davor und ein Danach gäbe. Dass der Film deut­lich mache, dass es Nichtzeigbares gibt. Und dass Bilder, insze­nier­te Bilder, aber auch hirn­los ver­wen­de­te Archivbilder die Vorstellung des Unvorstellbaren zerstören.

Claude Lanzmann

Auf Fotografien des Horrors in den von Deutschen betrie­be­nen Konzentrationslagern, Vernichtungs- und Arbeitslagern, hat er ver­zich­tet. Claude Lanzmann hat für sei­ne inge­ni­ös mon­tier­te, neun­stün­di­ge Dokumentation des Massenmords an den Juden Europas Kamera und Mikrophon den Überlebenden für ihre erschüt­tern­de, herz­zer­rei­ßen­de Erinnerung an das kaum aus­sprech­ba­re Leiden gewid­met. Er hat sie befragt. Er hat sie bewegt, manch­mal fast genö­tigt, das Erlittene zu beschrei­ben, in Worte zu fas­sen. Er hat sich Zeit genom­men­für die Interviews, er hat sei­nen Gesprächspartnern Zeit gelas­sen. Und im Prozess des Erinnerns, wenn Momente des Vergegenwärtigens des Grauens gescha­hen, leg­te das Verstummen, leg­te die Mimik bered­tes Zeugnis ab. Zwölf lan­ge Jahre hat er an „Shoah“ gearbeitet

Die Memoiren von Claude Lanzmann, erschie­nen bei Rowohlt 2010

 

Mit gewis­sem Recht wohl hat er stets gegen die übli­che fil­mi­sche Beschäftigung mit der „Extermination“, der Auslöschung argu­men­tiert. Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ galt Lanzmann fast als Frevel; jeden­falls als uner­laub­te oder wenigs­tens ästhe­tisch ver­fehl­te Methode, die Shoah zu the­ma­ti­sie­ren. Bei einem Treffen in Cannes hat er dies Spielberg in einem freund­li­chen Gespräch erläu­tert. Dieser habe ihm spä­ter Recht gege­ben, sag­te Lanzmann in einem Interview, das Katja Nicodemus für die ZEIT mit ihm führ­te. Nicodemus for­mu­liert zuge­spitzt, gegen was Lanzmann vor allem pole­mi­sier­te:  „Die Holocaust-Doku mit Musikuntermalung und zer­schnip­sel­ten Zeitzeugenanekdoten ist ein mun­ter bespiel­tes Fernsehgenre.“ Lanzmann ant­wor­tet lapi­dar: „Entsetzlich“. Katja Nicodemus im Gespräch mit Claude Lanzmann

Heftig nach wie vor ist die Debatte. Der Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman plä­dier­te für die Verwendung von Fotos („Bilder trotz allem“) Rezension von „Bilder trotz allem auf h‑sozkult. Und wenigs­tens ein Regisseur trägt die Dialektik der ästhe­ti­schen Fragestellung cin­egra­phisch in sei­nen Filmen aus. Nicolas Klotz, zum Beispiel in „La ques­ti­on humaine“. (fort­zu­set­zen).

Thomas Ziegner