Wie über den Ersten Weltkrieg schreiben?

Kleine Poetik, exem­pli­fi­ziert an Werner Bergengruens „Der ers­te Patrouillenritt“

 

Von Günter Scholdt

 

Die Textmenge, die Schriftsteller über den Ersten Weltkrieg ver­fasst haben, ist unüber­seh­bar, selbst wenn wir uns nur auf Lyrik beschrän­ken. Eine ers­te quan­ti­ta­ti­ve Vorstellung dar­über ver­mit­telt die frü­he Bilanz des Kritikers Julius Bab zum Jahresende 1916, der bis dahin ca. 220 Kriegsanthologien rezen­siert hat­te. Rund 450 der­ar­ti­ge Sammlungen erschie­nen im Deutschen Reich bereits im ers­ten Kriegsjahr. Bab selbst schätz­te die dama­li­ge Tagesproduktion von Kriegsgedichten in einer Größenordnung von 50.000. Mit der Erstarrung der Front im Stellungskrieg und den stän­dig stei­gen­den Todesraten ging zwar das Leserinteresse an sol­chen Versen aller­dings erkenn­bar zurück. Auch galt – trotz beacht­li­cher Innovationen im Genre – für das Gros der Gedichte die Regel: Liest man eins, kennt man Dutzende.

Dergleichen lyri­sche Ramschware sucht man bei Bergengruen ver­ge­bens. Als posi­ti­ven Beleg sei daher eines sei­ner Kriegsgedichte aus­führ­lich vor­ge­stellt, zumal es mir geeig­net erscheint, exem­pla­risch poe­to­lo­gi­sche Grundaussagen zu tref­fen. Zunächst eini­ge bio­gra­phi­sche Rahmendaten: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stu­dier­te Bergengruen in Marburg. Er mel­de­te sich frei­wil­lig zur deut­schen Armee, was für Balten trotz viel­fa­cher Sympathien nicht gänz­lich selbst­ver­ständ­lich war. Später pro­vo­zier­te er ein­mal sei­nen Vater mit der Bemerkung, er hät­te es bei den Russen in der glei­chen Zeit um zwei Dienstränge wei­ter gebracht. Wie ernst­ge­meint auch immer, deu­tet dies an, wie wenig er in engen natio­na­len Kategorien dachte.

Er dien­te zunächst bei den Dragonern, spä­ter als Leutnant bei den Ulanen und war aus­schließ­lich an der Ostfront ein­ge­setzt, zuletzt in der Ukraine. Seine beson­de­ren Fähigkeiten qua­li­fi­zier­ten ihn neben den übli­chen Erkundungs- und Melderitten zu deli­ka­ten Funktionen, teils als ver­mit­teln­der Dolmetscher, teils als toll­küh­ner Propagandist, der sich, mit Schnaps und Zigaretten bewaff­net, zu den rus­si­schen Linien begab, um Feinde zum Überlaufen zu bewe­gen. Vor sei­ner Flucht aus sowje­ti­scher Gefangenschaft stand er sogar noch kur­ze Zeit als hoch­sta­peln­der Pseudoingenieur im Dienst der neu­en Herrn. Januar 1919 traf er im revo­lu­tio­nä­ren Berlin ein und begab sich umge­hend zur Baltischen Landeswehr, die gegen die Rote Armee kämpfte.

Das Gedicht „Der ers­te Patrouillenritt“ ent­stand im Mai 1935 und erschien erst­mals 1936 im Sammelband „Die Rose von Jericho“. Gutem phi­lo­lo­gi­schem Brauch gemäß, deu­tet man ein Werk, um sei­nen Wertungshorizont zu ermit­teln, auch im Kontext der jewei­li­gen Epoche. Es liegt also nahe, the­men­ver­wand­te Gedichte über den Ersten Weltkrieg zum Vergleich her­an­zu­zie­hen und damit die Tradition zu skiz­zie­ren, aus der Bergengruen, wenn auch aus dem zeit­li­chen Abstand rund zwei­er Jahrzehnte schöpfte.

Seit Kriegsbeginn erschie­nen zahl­rei­che (häu­fig auch so beti­tel­te) Reiterlieder, von denen hier ein hal­bes Dutzend gemus­tert wer­den soll. Sie stam­men von sei­ner­zeit hoch gehan­del­ten Vertretern der Literatur. Wenn ihre Namen dem heu­ti­gen kul­tu­rel­len Kurzzeitgedächtnis fremd gewor­den sind, beden­ke man, dass dies auch den meis­ten aktu­ell Gepriesenen schon bald wider­fah­ren dürf­te. Damals gehör­ten sie immer­hin zur Prominenz. Die Texte erwei­sen sich fast durch­weg als Beispiele lite­ra­ri­scher Schützenhilfe für die Front, wobei man die jewei­li­gen Kavalleristen als tod­be­rei­te wie ‑geweih­te Draufgänger fei­er­te. So heißt es etwa bei Fritz von Unruh:

Ulanen, stolz von Lützow her

Mit Reitermut durchflogen,

Beleidigt ist die deut­sche Ehr‘,

Auf! in die Schlacht gezogen.

 

Die Gäule raus, das Schwert zur Hand,

Die Welt braucht uns, Ulanen;

Wir stür­men frisch in Feindes Land

Und hol’n uns wel­sche Fahnen.

 

O Dasein, herr­lich süßes Gut,

Jetzt ler­nen wir dich lieben:

Fürs Vaterland und deut­sches Blut

Bist du dem Tod verschrieben. […]

 

Doch die­ser Schwur sei ernst getan:

Wie Gott auch bläst die Flammen –

Wir Lützower steh’n auf dem Plan

Und hau’n die Welt zusammen.

 

Ein Dutzendprodukt dama­li­ger Schlachtgesänge also des spä­te­ren Vorzeige-Pazifisten der Weimarer Republik, anfeu­ernd und rela­tiv kli­schee­haft. Man darf es schnell wie­der ver­ges­sen. Anspruchsvoller ist ein the­ma­tisch ver­wand­tes Gedicht von Rudolf Alexander Schröder. Es imi­tiert im Rhythmus die Pferdegangart, arbei­tet mit Assonanzen, Alliterationen, Anaphern und diver­sen Wortverschränkungen:

Wir rei­ten von Wäldern und Schluchten verborgen,

Wir tra­ben hin­ein in den däm­mern­den Morgen,

Deutschland, Deutschland!

Es wie­hert und stampf­et der Scheck und der Schimmel,

Es klap­pert und trap­pelt der Hufe Gewimmel,

Rot leuch­tet der Himmel.

Und deu­te die blu­ti­ge Röte Verderben,

Für dich will ich leben, für dich will ich sterben,

Deutschland, Deutschland! […]

Und wäh­nen dich alle ver­femt und verlassen

Mit Hassen und Lügen, mit Lügen und Hassen, […]

Und wenn uns die Feinde mit Kugeln begaben

Und unter den Rossen die Reiter begraben,

Noch hal­ten und haben

Ein Schwert und ein hei­lig Gelübde die Erben:

Für dich will ich leben, für dich will ich sterben,

Deutschland, Deutschland!

 

Im Mittelteil des Gedichts begrün­det der Verfasser den kaval­le­ris­ti­schen Furor mit der psy­cho­lo­gi­schen Kriegsführung der Entente, die Deutschland eine Art Kulturkampf auf­zwang. Gerhart Hauptmann war dar­in gar als lite­ra­ri­scher Protagonist ver­wi­ckelt: als Kontrahent von Romain Rolland, dem er in der „Frankfurter Zeitung“ ant­wor­te­te. Sein „Reiterlied“ ist vom glei­chen Geist getra­gen. Als sein Sohn im Dezember 1914 ein­ge­zo­gen wur­de, ent­stand ein wei­te­rer lyri­scher Kriegsbeitrag:

Komm, wir wol­len ster­ben gehen

in das Feld, wo Rosse stampfen,

wo die Donnerbüchsen stehn

und sich tote Fäuste krampfen.

 

Lebe wohl, mein jun­ges Weib

und du Säugling in der Wiegen!

Denn ich darf mit trä­gem Leib

nicht daheim bei euch verliegen.

 

Diesen Leib, den halt‘ ich hin

Flintenkugeln und Granaten:

Eh ich nicht durch­lö­chert bin,

kann der Feldzug nicht geraten. […]

 

Zu eini­ger Popularität gelang­te auch das „Österreichische Reiterlied“ von Hugo Zuckermann:

Drüben am Wiesenrand

Hocken zwei Dohlen –

Fall ich am Donaustrand?

Sterb ich in Polen?

Was liegt daran?

Eh‘ sie mei­ne Seele holen,

Kämpf‘ ich als Reitermann. […] /

Drüben im Abendrot

Fliegen zwei Krähen –

Wann kommt der Schnitter Tod,

um uns zu mähen?

Es ist nicht schad‘!

Seh‘ ich nur unse­re Fahnen wehen

Auf Belgerad!“

 

Der jüdi­sche Verfasser fiel bereits 1914, so dass dem Gedicht etwas Testamentarisches anhaf­tet. Das gilt eben­so für sein Pendant auf preu­ßi­scher Seite, Hermann Löns:

Heiß ist die Liebe,

Kalt ist der Schnee, der Schnee;

Scheiden und Meiden

Und das tut weh.

 

Rote Husaren,

Die rei­ten nie­mals, nie­mals Schritt;

Herzliebes Mädchen,

Du kannst nicht mit. […]

 

Das grü­ne Gläslein

Zersprang mir in der, in der Hand;

Brüder, ich sterbe

Fürs Vaterland.

 

Auf mei­nem Grabe

Soll’n rote Rosen, Rosen stehn;

Die roten Rosen

Und die sind schön.

 

Was die Texte the­ma­tisch ver­bin­det, ist Patriotismus, Bejahung des Opfertods, alter­na­tiv­lo­ser Abschied von Frau und Kind, zuwei­len sogar eine gewis­se Wurstigkeitspose dem Sterben gegen­über. Da die Hälfte der zitier­ten Autoren mit ihrem Leben bezahl­ten, ver­bie­tet sich retro­spek­ti­ve Besserwisserei. Literarhistorisch bemer­kens­wert erschei­nen die Verse jedoch kaum, im Gegensatz zu Ernst Stadlers Gedicht „Der Aufbruch“, des­sen pro­gram­ma­ti­scher Titel zugleich sei­nem unter der Jahreszahl 1914 publi­zier­ten Lyrikband den Namen gab. Der Colmarer Autor hat es bereits im Dezember 1913 geschrie­ben, ver­mut­lich aus­ge­löst durch diver­se Marokko- oder Balkan-Krisen, wel­che die dama­li­gen jun­gen Männer im Vorfeld des Ersten Weltkriegs immer mal wie­der see­lisch mit dem Ernstfall konfrontierten:

Einmal schon haben Fanfaren mein unge­dul­di­ges Herz blu­tig gerissen,
Daß es, auf­stei­gend wie ein Pferd, sich wütend ins Gezäum verbissen.
Damals schlug Tambourmarsch den Sturm auf allen Wegen,
Und herr­lichs­te Musik der Erde hieß uns Kugelregen.
Dann, plötz­lich, stand Leben stil­le. Wege führ­ten zwi­schen alten Bäumen.
Gemächer lock­ten. Es war süß, zu wei­len und sich versäumen,
Von Wirklichkeit den Leib so wie von stau­bi­ger Rüstung zu entketten,
Wollüstig sich in Daunen wei­cher Traumstunden einzubetten.
Aber eines Morgens roll­te durch Nebelluft das Echo von Signalen,
Hart, scharf, wie Schwerthieb pfei­fend. Es war wie wenn im Dunkel plötz­lich                                                                                           Lichter aufstrahlen.
Es war wie wenn durch Biwakfrühe Trompetenstöße klirren,
Die Schlafenden auf­sprin­gen und die Zelte abschla­gen und die Pferde schirren.

Ich war in Reihen ein­ge­schient, die in den Morgen stie­ßen, Feuer über Helm
und Bügel,
Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht, mit vor­ge­halt­nem Zügel.
Vielleicht wür­den uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,
Vielleicht lägen wir irgend­wo aus­ge­streckt unter Leichen.
Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken
Würden uns­re Augen sich an Welt und Sonne satt und glü­hend trinken.

 

Auch dem kos­mo­po­li­ti­schen Stadler war also die zeit­ge­nös­si­sche Denkfigur einer rei­ni­gen­den Erneuerung ver­traut, wie sie in aller Drastik 1914 etwa Thomas Manns „Gedanken im Kriege“ bekunden:

Gräßliche Welt, die nun nicht mehr ist – oder doch nicht mehr sein wird, wenn das gro­ße Wetter vor­über­zog! Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? […] Wie hät­te der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sol­len für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so über­aus satt hatte!”

 

Nicht zuletzt Expressionisten agier­ten, was Hermann Korte schlüs­sig belegt hat, zunächst weit­ge­hend als Bellizisten, von Paul Zech, Rudolf Leonhard, Kasimir Edschmid und Alfred Döblin über Albert Ehrenstein, Wilhelm Klemm und Fritz von Unruh, Erst Barlach bis Ernst Toller, Walter Hasenclever oder René Schickele, dem Herausgeber der „Weißen Blätter“. Ihr Pazifismus-Image stammt aus spä­te­ren Konversionen und der Selbststilisierung in anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Anthologien, allen vor­an Kurt Pinthus‘ „Menschheitsdämmerung“. Yvan Golls Statement von 1921: „Kein ein­zi­ger Expressionist war Reaktionär. Kein ein­zi­ger war nicht ‚Anti-Krieg‘.“, bedient also eher ein belieb­tes Klischee wie dem von der natür­li­chen Kriegsgegnerschaft der Frauen. Wenn das im Bewusstsein des Feuilletons teils noch immer ein wenig anders wahr­ge­nom­men wird, hängt dies mit gewis­sen meta­po­li­ti­schen Moden zusam­men. Man tut sich schwer mit der Vorstellung, dass jene Literaturgrößen, die nach dem Umschwung den Neuen (brü­der­li­chen) Menschen pro­pa­gier­ten und den Soldaten äch­te­ten, zuvor meist ganz ande­re Töne ver­brei­tet hatten.

In Stadlers Gedicht arti­ku­liert sich jene Generationsgemeinschaft, die der Wunsch nach radi­ka­lem Neubeginn beseel­te. In der spe­zi­fi­schen Atmosphäre des (expres­sio­nis­ti­schen) Aufbruchs ist sein Gedicht das­je­ni­ge, das am engs­ten mit Bergengruens „Patrouillenritt“ ver­bun­den ist. Gemeinsam sind Gefühle des Jungseins und vita­lis­ti­schen Rauschs, der Feier des unge­wöhn­li­chen Erlebnisses, das Mut erfor­dert, aber zur „Wandlung“ führt. Weitere Parallelen wie Besonderheiten mag die fol­gen­de Interpretation erbrin­gen. Das Thema der Ballade Bergengruens ver­rät bereits ihr Titel: „Der ers­te Patrouillenritt“.

Jenen Morgen mag ich nicht vergessen,
Ein Septembermorgen war’s wie heut.
Noch im Dämmer sind wir aufgesessen,
Und ein fah­les Licht war ausgestreut.

 

Ein Rekrut ver­wirr­te mit den Hufen
Den im Klee ver­borg­nen Fernsprechdraht,
Flüche wur­den hin­ter­drein gerufen,
Dann ver­schlang uns der umbusch­te Pfad.

 

Noch ein Brotstück fand sich in der Tasche,
Speck vom ges­tern erst gestoch­nen Schwein.
Aus der filz­be­zo­gnen Sattelflasche
Trank ich frös­telnd den gebrann­ten Wein.

 

Zögernd öff­ne­te ein Schein im Osten
Rötlich die ver­hang­ne Himmelswand.
Unsres Fußvolks vor­ge­schob­ne Posten
Fanden wir in feuch­tem Uferland.

 

Und nach kur­zem Fragen, kur­zem Rasten
Überquerten wir den Wasserlauf.
In den Wäldern nach dem Feind zu tasten,
Brachen wir ins Unbetretne auf.

 

Stummes, unge­sich­ti­ges Gelände
Lag in Nebelgrau und Dämmerung,
Und wir trab­ten, Lanzen auf der Lende,
– Sieben waren wir und waren jung.

 

Ich fas­se die Ausgangsszene zusam­men. Das lyri­sche Ich, das im künf­ti­gen Vortrag rela­tiv beden­ken­los mit dem Verfasser iden­ti­fi­ziert wird, erin­nert sich an sei­nen ers­ten Einsatz als Aufklärer zu Pferde. Die Stimmung ent­spricht der erwar­te­ten gefahr­vol­len Konfrontation. Ein neb­li­ger Herbsttag im Morgengrauen lässt die Soldaten frös­teln. Nervosität zeigt sich, wird durch Alkohol gedämpft. Bald erreicht die Gruppe mili­tä­ri­sches Niemandsland: das „Unbetretne“. Gefechtsbereitschaft wird her­ge­stellt. Es beginnt das Abenteuer, das im Letzten sei­ne Begründung fin­det im spä­ter wie­der­hol­ten Kommentar „Sieben waren wir und waren jung“. Sieben gilt als Glückszahl, und auf einen ent­spre­chen­den Ausgang hof­fen alle.

Warm und gol­den hob sich aus den Schneisen
Der sep­tem­ber­li­che Sonnentag.
Einen Bussard sah ich dro­ben kreisen,
Silbrig schim­mer­te sein Flügelschlag.

 

Hinter einem Busch von wil­den Rosen,
Rot von Hagebutten überschmückt,
Fanden wir zwei lee­re Dörrfleischdosen,
Und das Gras war lager­haft gedrückt.

 

Roßmist tra­fen wir und Pferdespuren,
Doch ver­lo­ren sie sich bald im Moos.
Spechte häm­mer­ten wie Totenuhren,
Und die Wälder schwie­gen schwer und groß.

 

Neben Stoppeln schim­mer­ten besonnte
Äcker mit noch unge­schnitt­ner Frucht,
Und im Halbkreis stand am Horizonte
Unbewegt die blaue Tannenbucht.

 

Einmal sah ich einen Hasen hoppeln,
Einmal fiel ein Häherschrei ins Ohr,
Einmal zwi­schen Wiesengras und Stoppeln
Ging besorgt ein Hühnervolk empor.

 

Vor uns blau­te die geheimnisschwere
Tannenwand in hei­ßer Mittagsruh,
Und wir rit­ten auf die Waldlisiere
Weiten Abstands durch die Fläche zu.

 

Moderfeucht kam ein Geruch von Schwämmen
Zu mir durch den gold­nen Mückentanz,
Und ich wuß­te: hin­ter jenen Stämmen
Liegt der Gott und der ver­borg­ne Glanz.

 

Der gele­se­ne Abschnitt ent­hält vor­aus­wei­sen­de Symbole für Schönheit und Gefahr. Genannt wer­den der krei­sen­de Bussard, Spechtgeräusche, die an Totenuhren gemah­nen, ein Häherschrei ange­sichts eines fried­lich hop­peln­den Hasen und besorg­ter Hühner, moder­feuch­ter Pilzgeruch, und im Gegensatz dazu rei­fe Äcker im Sonnenglanz sowie „wil­de Rosen / Rot von Hagebutten über­schmückt“. Der Autor zeich­net aber kei­nes­wegs ein künstlich-ästhetisches Genrebildchen, son­dern kon­fron­tiert sei­ne Leser als Kontrast umge­hend mit lee­ren Dörrfleischdosen und Pferdemist.

Die Beobachtungen drän­gen sich ihm auf, in einer Phase ver­schärf­ter Wahrnehmung, die dem poten­ti­ell Bedrohlichen ent­spricht. Der Wald wie­der­um erscheint in einer poe­ti­schen Tradition aus Romantik, Expressionismus, aus Brecht oder Loerke, wird als „schwer und groß“, als unbe­weg­te „blaue Tannenbucht“ ver­an­schau­licht. Und hin­ter „jenen Stämmen“ heißt es: „Liegt der Gott und der ver­borg­ne Glanz.“ Wir befin­den uns im mythisch-naturmagischen Bereich des Ominösen, das her­aus­for­dert, Ruhm und Ehre ver­spricht. Aus die­ser ein wenig als ver­zau­bert geschil­der­ten Atmosphäre wer­den wir schlag­ar­tig her­aus­ge­ris­sen durch den feind­li­chen Feuerüberfall:

Aus der Stille sprang ein Schuß und rollte,
Bis ein zwei­ter, drit­ter ihn verschlang,
Und das Feuer knat­ter­te und grollte
Augenblicks den gan­zen Wald entlang.

 

Jeder Baum gewann ver­ruch­tes Leben,
Feurige Dämonen heul­ten schrill,
– Vor sekun­den­lan­gem Augenheben
Stand der Himmel hoch und blau und still.

 

Unsre Pferde, rasch herumgerissen,
Galoppierten keu­chend, Sprung an Sprung,
Kugeln schwärm­ten um uns wie Hornissen
– Sieben waren wir und waren jung.

 

Das mili­tä­ri­sche Geschehen wird zwar noch mit Dämonen asso­zi­iert. Die wei­te­ren Bilder blei­ben jedoch im Alltäglichen: Schüsse rol­len, knat­tern, grol­len, schwär­men aus wie Hornissen, Pferde keu­chen. Auffallend die Veranschaulichung des Himmels, der „hoch und blau und still“ stand. Der Ton gleicht ein wenig Brechts „Erinnerung an die Marie A.“, evo­ziert zudem die Vorstellung ewi­ger Erhabenheit, majes­tä­ti­scher Gelassenheit oder Distanz. Einen gewis­sen Abstand, den des gereif­ten Mannes, ver­rät auch der rück­schau­en­de Verfasser-Kommentar mit dem noch­ma­li­gen Verweis auf Jugend und ent­spre­chen­des Draufgängertum. Dies aller­dings wird gera­de­zu enthu­si­as­tisch beschworen:

Da wir durch die freie Fläche stoben,
Wind und Kugeln pfif­fen hart am Ohr,
Hufe häm­mer­ten und Pferde schnoben,
Und ich leb­te – so wie nie zuvor!

 

Leben fühlt ich in den Adern kochen,
Leben hielt mir jeden Nerv geschwellt,
Leben, unbe­dacht und ungebrochen
Aus der gro­ßen Einigkeit der Welt.

 

Sternennächte, Schauer, Kindertage,
Tränen, Haß und Hingenommensein,
Frauenarme, wil­de Zechgelage,
Tausend Ströme braus­ten überein.

 

Ja, ich leb­te, daß mir in der Seele
Aller Saft der Schöpfung gor und schwoll,
Und ein Aufschrei sprang mir aus der Kehle
Heiß wie Brunstruf und des Rausches voll!

 

Mittenhin ins Ackerland verschlagen
Stand ein wil­der Birnbaum, reich an Last,
Und ich riß mir im Vorüberjagen
Ein gefärb­tes Blatt von sei­nem Ast.

 

Meinte alle Welt in ihm zu fassen,
Geister, Sterne, Pflanze, Stein und Tier.
Lachend habe ich es fal­len lassen:
Fort das Blatt! Die Welt war heil in mir!

 

Dieser Abschnitt erweist sich als gran­dio­se Feier des gera­de in der Gefahr inten­si­vier­ten Lebens. Die Weltliteratur kennt zahl­rei­che Werke, die das Hochgefühl besin­gen, knapp dem Tod ent­ron­nen zu sein und dies als Existenzsteigerung erfah­ren zu haben. Bergengruens sinn­li­che Schilderung kann es mit den bes­ten auf­neh­men. Und etli­che Leser mit ähn­li­cher Erfahrung dürf­ten zumin­dest für kur­ze Momente Vergleichbares emp­fun­den haben wie der Patroullienreiter, der in sym­bo­li­scher Geste das gefärb­te Birnbaumblatt wie­der weg­wirft. Schließlich braucht er sich noch nicht mit dem Herbst des Lebens zu befas­sen. Ganz im Gegenteil:

Leben fühlt ich in den Adern kochen,

Leben hielt mir jeden Nerv geschwellt“

 

Und wei­ter:

Ja, ich leb­te, daß mir in der Seele

Aller Saft der Schöpfung gor und schwoll“.

 

Darüber hin­aus illus­triert die­ser Text Nietzsches Entwurf des „gefähr­lich leben“ als reprä­sen­ta­ti­ves Jugendgefühl, das auch Stadler beschwor. Auch Thomas Manns „Zauberberg“ kennt sol­che Reize, jener Roman des Jahres 1924, mit dem sich der Verfasser von sei­ner Sympathie mit dem Tod ver­ab­schie­de­te und einer lebens­be­ja­hen­den Zukunft unter den Vorzeichen Weimars zuwand­te. Hierin fin­det sich als Bezugspunkt für Manns repu­bli­ka­ni­sche Utopie glücklich-friedlicher Sonnenkinder ein (alle­go­ri­scher) Rekurs auf das schreck­li­che „Blutmahl“ des Krieges. „Waren sie“, heißt es, „so höf­lich und rei­zend zuein­an­der im stil­len Hinblick auf eben dies Gräßliche?“ Auch hier also eine ledig­lich anders akzen­tu­ier­te Denkfigur, wonach das Erlebnis über­stan­de­ner Gefahr zukunfts­wei­sen­de Kräfte freisetzt.

In der viert­letz­ten Strophe fällt dann ein Stichwort, das bei Bergengruen lebens­lang eine zen­tra­le Rolle spiel­te und das, bezo­gen auf das Schlachtengetümmel des Ersten Weltkriegs, aus expli­zit „pro­gres­si­ver“ Perspektive man­chem als fri­vol oder pro­vo­ka­tiv erschei­nen mag:

Die Welt war heil in mir!“

Dieser Topos einer hei­len Welt ver­dient auch inso­fern Beachtung, als er  durch geziel­te Inkriminierung am meis­ten dazu bei­getrug, Bergengruens Ruf zu rui­nie­ren und den Autor zu deka­no­ni­sie­ren. Auf Adornos Attacke in „Jargon des Eigentlichkeit“ bin ich in einem frü­he­ren Vortrag ein­ge­gan­gen.[1] In die­sem Zusammenhang  genügt es, auf zwei Erklärungsansätze zu ver­wei­sen: auf Bergengruens schon früh gepräg­tes Bewusstsein, vor gra­vie­ren­den Übeln bewahrt zu wer­den, und die Überzeugung, dass die Schöpfung trotz aller Wirren und Leiden im Letzten unzer­stör­bar sei und der Mensch in einem höhe­ren Zusammenhang geborgen.

Zumindest für den Autor selbst hat sich die­se Annahme viel­fach bestä­tigt, im kon­kre­ten Patrouillenritt dadurch, dass ihn die feind­li­chen Geschosse nicht tra­fen, wie ihm über­haupt im gan­zen Weltkrieg eine Verwundung erspart blieb.

Auch im Dritten Reich bot die­ses Grundgefühl einer gewis­sen Unverletzlichkeit beträcht­li­chen see­li­schen Halt. Von sei­ner Geborgenheit durch eine höhe­re Macht wird der Autor zeit­le­bens über­zeugt sein, ja, von einem „Schutzengel“ spre­chen, der ihn (nicht zuletzt bei mili­tä­ri­schen Projekten) vor fal­schen Entscheidungen bewahrt habe. 1946 notier­te er:

VON NATUR hat­te ich in jun­gen Jahren einen Hang zum unsin­ni­gen Abenteuer. Als Student spiel­te ich mit dem Gedanken, mich als Freiwilliger nach Albanien zu mel­den, wo der Prinz Wilhelm von Wied eine Monarchie zu errich­ten […] trach­te­te. Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im Jahre 1918 dach­te ich in Kiew dar­an, mich zum Parteigänger des von ihnen ein­ge­setz­ten ukrai­ni­schen Hetmans […] Skoropadski zu machen. […] Aus der glei­chen Zeit erin­ne­re ich mich des halb kolo­ni­sa­to­ri­schen, halb sol­da­ti­schen Projekts einer Ansiedlung in Sibirien. Auch lock­te mich ein Jahr spä­ter [] nach Japan zu gehen, wo, wie es hieß, ehe­ma­li­ge Offiziere der deut­schen Armee gesucht wurden.

Alle die­se Donquichotterien, […] hät­ten […] mit einem kläg­li­chen Zugrundegehen enden kön­nen. Aber nun bin ich mein Leben lang immer vor den aller­ärgs­ten Unüberlegtheiten bewahrt wor­den. […] auch hier darf ich mit Dankbarkeit pro­vi­den­ti­el­le Behütungen erkennen.“

 

Kriege, Bürgerkriege und die bei­den Großdiktaturen eig­nen sich im Allgemeinen zwar schlecht, die­se Weltsicht his­to­risch zu bele­gen. Aber was wäre eigent­lich christ­li­cher Glaube ohne sol­che Zuversicht? Bergengruen bestand auch in zwei ande­ren Soldaten-Gedichten dar­auf, dem gewalt­sa­men Sterben eine tran­szen­die­ren­de Verheißung gegen­über­zu­stel­len. In sei­ner „Stimme des Gefallenen“ erreicht die töd­li­che Kugel bereits einen „Verwandelten“, und was dem als ver­nich­ten­des „Feuer erschien, war das Leuchten der Weltmonstranz“. Und im Gedicht „Die toten Soldaten“ wird eine lemu­ren­haft gro­tes­ke Szenerie beschwo­ren, in der die Gefallenen zu nächt­li­chem Spuk auf­er­ste­hen, der gleich­wohl in Trost und Bestätigung des Lebensplans mündet:

Morsches Männervolk han­tiert mit Spaten,

Panzerfäusten oder Handgranaten,

and­re wie­der, fins­ter und gelassen,

tre­ten an, um Munition zu fassen.

Einer reckt sich, nach dem Feind zu sehen,

einer zeigt auf die erfror­nen Zehen,

einer stopft sich die zer­riss­nen Socken.

Amputierte kau­ern und tarocken.

[…]

Andre hocken enge unter langen,

lee­ren Reden auf Latrinenstangen,

äch­zend, aus zer­fetz­ten Eingeweiden

blu­ti­ge Ruhrfäkalien auszuscheiden.

Einer schleicht sich abseits voll Beklemmung,

einer kämpft mit einer Ladehemmung,

einer schießt, als schöss‘ er nach der Scheibe,

lang­sam, grin­send, wie zum Zeitvertreibe,

einer sackt, im Anschlag noch, zusammen.

Schüsse blit­zen. Mündungsfeuer flammen.

Einer – plötz­lich ist der Mond verglommen.

Alles ist zer­sto­ben und zerschwommen.

 

Wunderliche blas­se Blutgemeinde,

schlaft in Ruhe. Ihr seid nicht mehr Feinde,

uns nicht mehr noch irgend­wem auf Erden.

Kehrt nun heim­wärts. Friede soll euch werden.

 

Bergengruen küm­mer­ten kei­ne eng­her­zi­gen Realismus-Gebote, wenn es um Glaubensverkündigung ging. Wer sei­ne Prämissen nicht teilt, mag sie ver­wer­fen. Aber ein lite­ra­ri­sches Urteil berück­sich­ti­ge bit­te, dass wir im Bereich der Poesie nicht vor­nehm­lich über Weltanschauungen zu rech­ten haben, son­dern über ästhe­ti­sche Plausibilitäten. Damit zurück zum „Ersten Patrouillenritt“: Die Strophen 23 und 24 stei­gern aller­dings das Geborgenheitsgefühl des Reiters bis an die Glaubwürdigkeitsgrenze. Denn das Erlebnis voll­zieht sich nun fast in einer den Krieg ent­pro­ble­ma­ti­sie­ren­den Traumwelt:

Überströmend tränk­te mich die Quelle,
Die aus nie erschöpf­ter Tiefe rann.
– In der Deckung einer Bodenwelle
Hielt ich end­lich mei­ne Stute an.

 

Weißer Schaum stob flo­ckig von den Zäumen.
Rings die Welt war mit­tags­schwül verstummt.
Und es war wie Täuschung, war wie Träumen,
Daß noch eben Kugeln mich umsummt.

 

Wo der Autor wie Kleists „Prinz von Homburg“ kaum noch Wirklichkeit und Traum unter­schei­det, droht die Szenerie als his­to­ri­sches Geschehnis zu ver­schwim­men. So liegt die Frage nahe, ob es sich über­haupt noch um ein Kriegsgedicht han­delt und nicht eher um einen qua­si kos­mo­lo­gi­schen Text. Gegenstand wäre dann das pral­le Leben unter Einbezug von Angst, Gefahr und Verlust, die jedoch in einem sinn­vol­len Ganzen ver­wo­ben sind. In die­sem wie dem ursprüng­li­chen Deutungsrahmen bleibt als Kernaussage, dass der Einzelne durch die mutig bestan­de­ne Ausnahmesituation eine gewal­ti­ge Daseinserhöhung erfährt. Insofern fei­ert der Autor Gefahr, Tapferkeit und männ­li­che Bewährung in ideel­ler Nachbarschaft zu Ernst Jüngers „Das aben­teu­er­li­che Herz“, wenn er auch nicht zu des­sen in der Weimarer Republik getrof­fe­nen poli­ti­schen Folgerungen gelangt.

Für den gegen­wär­ti­gen pazi­fis­ti­schen Zeitgeist stellt sich daher die Standardfrage: Darf denn Bergengruen das? Darf er, unge­ach­tet von Massensterben und ‑leid, ein anders­ar­ti­ges Individualerlebnis besingen?

Darf er es zudem in einer Veröffentlichung 1936 in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chem Zusammenhang zur gera­de wie­der­ein­ge­führ­ten Wehrpflicht? Darf er es gar noch 1946 in der Neuauflage des Bands, als alles Militärische noch stär­ker unter Rechtfertigungsdruck stand? Und wie legi­ti­miert sich, dass Bergengruen in pri­va­ten Aufzeichnungen noch 1944 schrieb:

So weit ich, mei­nen Jahren gemäß, auch über die Lebensformen einer jugend­lich aben­teu­ern­den Aktivität hin­aus­ge­wach­sen bin, das Menschenbild des Soldaten, des Reiters, des Jägers, Studenten und Vagabunden wird mir immer nahe blei­ben als der reins­te Ausdruck der […] Morgenfrische und der uner­schro­cke­nen Bereitschaft zur Konfrontation mit dem Schicksal.“

 

Nähern wir uns unauf­ge­regt der Wertungsfrage, wobei fol­gen­de skiz­zen­haf­te Erörterungen natür­lich nur Schlaglichter auf das Thema wer­fen! Zunächst ein­mal ist Kunst, die ihren Namen ver­dient, gene­rell kei­nes­wegs harm­los oder ein­di­men­sio­nal nütz­lich. Ihre Aussage erschöpft sich auch nicht in gesell­schafts­po­li­ti­schen Opportunitäten oder Wünschbarkeiten. Sonst wäre sie, „gut gemeint(e)“ Tendenzliteratur, wie Gottfried Benn spot­te­te, d. h. ihr „Gegenteil“. Autonome Kunst geht nicht auf in ihren Zwecken, erfüllt nicht nur Ansprüche der Sittlichkeit, und sei­en die­se frag­los berech­tigt. Sie ent­fal­tet sich erst im Spannungsfeld von Wahrheit, Schönheit und Ethik.

Wahrheit“ respek­ti­ve „Realismus“ heißt aber nicht nur, Krieg als schreck­lich, sinn­los wie grau­sam zu zeich­nen und nicht­pa­zi­fis­ti­sche Schilderungen als ver­lo­gen oder unkri­tisch zu denun­zie­ren. Das alles mag häu­fig der Fall sein. Doch stellt sich Krieg, je nach Perspektive, kon­kre­tem Erleben und per­sön­li­chem Temperament, nicht für alle Teilnehmer glei­cher­ma­ßen so dar, vor allem nicht aus­schließ­lich. Auch hat Realismus nicht nur eine objek­ti­ve (bzw. inter­sub­jek­ti­ve) Komponente. Wohlverstanden respek­tiert er viel­mehr sub­jek­ti­ve Eindrücke ein­zel­ner, sofern sie plau­si­bel ver­mit­telt werden.

Wer also um der volks­päd­ago­gi­schen Wirkung wil­len auf mora­li­sche Ausrichtung der Geschichte(n) beharrt, ver­letzt ele­men­ta­re künst­le­ri­sche Freiräume, ver­pflich­tet Schriftsteller auf poli­ti­sche Direktiven, zwingt sie in ihren Werken zu vor­bild­li­chen Handlungen oder gesäu­ber­ten Wunschbiographien. Kurz: Er ver­wech­selt im kon­kre­ten Fall Weltkriegs-Dichtung mit Friedenserziehung – zwei zuwei­len benach­bar­te, aber gewiss nicht deckungs­glei­che Projekte. Die erwart­ba­re Folge heißt Niveauverlust, exem­pla­risch zu beob­ach­ten an der Gegenwartsliteratur, sofern sie ihr Interesse auf „fins­te­re Epochen“ ver­la­gert und dabei meist vor­ge­ge­be­nen Normen folgt, die Eintönigkeit und Sterilität bedingen.

Als Martin Walser in „Ein sprin­gen­der Brunnen“ ein­mal sei­ne Jugend im Dritten Reich ohne die gän­gi­gen Buß- und Warnrituale erzäh­len woll­te, hat­te er sofort die Meute des Feuilletons auf sei­ner Spur. Es war ein lehr­rei­ches Spektakel. Denn auch die Verfügungsmacht über das Erleben von Gestern will stän­dig behaup­tet sein. Die Erinnerung, mein­te zwar Jean Paul, sei „das ein­zi­ge Paradies, aus wel­chem wir nicht getrie­ben wer­den kön­nen“. Aber nicht nur in tota­li­tä­ren Gesellschaften bemü­hen sich die „Eliten“ zuneh­mend, sich ihrer zu bedie­nen und sie (rigo­ros) zu steu­ern, zumin­dest wo Geschichts- und poli­ti­sche Weltbilder berührt sind. Da wird so Manches gesell­schaft­lich zen­siert oder nach Auswahl vor­ge­ge­be­ner Aspekte und Wertungen prä­miert. Nicht umsonst klä­ren erst Attribute wie „bür­ger­lich“, „poe­tisch“ oder „sozia­lis­tisch“ dar­über auf, wel­cher Art von Wirklichkeitsausschnitt ange­sagt ist. Momentan ten­die­ren unse­re füh­ren­den Kritiker zum „Demokratischen“ oder „Humanitären Realismus“.

In die­ser Lage beharr­te Bergengruen dar­auf, unge­ach­tet spe­zi­fi­scher Wünschbarkeiten, die eige­nen Erlebnisse den Lesern authen­tisch dar­zu­bie­ten und nicht eman­zi­pa­ti­ons­kom­pa­ti­bel sti­li­sie­ren zu müs­sen. Es war schließ­lich sei­ne Geschichte: wenn auch die eines rela­tiv Privilegierten, unver­letzt Gebliebenen, dem im Osten das indus­tri­el­le Töten der Materialschlachten à la Flandern, Verdun und Somme weit­ge­hend erspart blieb. In sei­nen Erinnerungen notier­te er zuwei­len sogar noch Ansätze rit­ter­li­cher Kriegführung. Insofern waren sei­ne Erlebnisse von ein­ge­schränk­ter, aber nicht auf­ge­ho­be­ner Repräsentativität. Denn den Krieg schlecht­hin bzw. einen ent­spre­chen­den Realismus gibt es nicht. Und auch per­sön­li­che Eindrücke las­sen sich nicht ein­fach nor­mie­ren. Dies ver­deut­licht Bergengruens (nur schein­bar unspek­ta­ku­lä­rer) Gedichtanfang, der sei­nen Standpunkt inner­halb einer kon­tro­ver­sen Moraldiskussion mar­kiert: „Jenen Morgen mag ich nicht vergessen“.

Der Autor will es nicht, sieht kei­nen Anlaß dazu, und braucht gewiss kei­nen Vorwurf zu fürch­ten, mit einem Kriegsgedicht 1936 Konjunkturschreiberei betrie­ben zu haben. Hatte er doch soeben sei­nen Schlüsselroman „Der Großtyrann und das Gericht“ publi­ziert und mit ihm, für vie­le ver­ständ­lich, sei­ne regime­kri­ti­sche Haltung fixiert. Er war gera­de jetzt zum Katholizismus kon­ver­tiert und setz­te damit, zumin­dest im Bekanntenkreis, ein Zeichen. Er dach­te nicht in Kategorien modi­scher Anpassung und änder­te sei­ne Wertentscheidung auch dann nicht, wenn er Missverständnisse durch aktu­el­le Politisierung befürch­ten muss­te. Er war als Autorentyp eigent­lich in jeder Phase sei­nes Lebens unan­ge­passt und unzeitgemäß.

Indem ich die­se Haltung aus­drück­lich ver­tei­di­ge, rede ich gleich­wohl kei­ner schrift­stel­le­ris­ti­schen Gleichgültigkeit das Wort, die mög­li­che Folgen ihrer Werke betrifft, kei­ner ufer­lo­sen Lizenz für Amoralisches oder sozi­al­feind­li­che Exzentrik, die vor­nehm­lich des Effekts und der blo­ßen Entäußerung wil­len erfolgt. Auch sehe ich Autoren nicht gänz­lich außer­halb der Verantwortung für jeg­li­che Wirkung ihrer Texte, wo sie etwa wer­bend Lebensentwürfe prä­sen­tie­ren, die etwas Verrucht-Verführerisches ent­hal­ten. Dass dies für Bergengruen so nicht gilt, sei vor­ab ver­si­chert. Andererseits müs­sen Moral und Sozialprävention nicht knüp­pel­dick ser­viert wer­den. Der päd­ago­gi­sche Zeigefinger war stets ein wenig künst­le­ri­sches Mittel der Einflussnahme. Und selbst auf den Weltkrieg bezo­gen, behält es ein Geschmäckle, wenn man der­glei­chen von Autoren ver­langt und nach­ge­ra­de als preis­wür­di­ge Norm dekretiert.

Damit zum Kriterium der Schönheit, ein Begriff, der sich bei Weltkriegstexten fast zu ver­bie­ten scheint. Vorprogrammiert ist der Konflikt mit Moral und Realismus, wo ein Autor ästhe­tisch ord­nend ein­greift, Sinn ver­leiht, wo ande­re nur eine absur­de Folge von blu­ti­gem Chaos wahr­neh­men. In der Tat, Bergengruen schafft poe­tisch Sinn, ord­net durch Symbole, stif­tet per Metaphern Zusammenhänge zwi­schen rea­ler und phantastisch-dämonischer Welt. Natürlich poe­ti­siert er Sachverhalte, die durch gelun­ge­ne Form zumin­dest in Teilen har­mo­ni­siert wer­den. Und eines gilt ganz gewiss als Norm: Schönheit darf nicht erkauft wer­den durch Euphemismen, Verzuckerung, Lüge.

Andererseits bleibt dem Autor das Recht, sein wie immer ver­lau­fen­des eige­nes Leben als schön zu emp­fin­den und Erinnerungen ent­spre­chend zu gestal­ten. Er muss kei­ner all­ge­mei­nen Präventionsdidaktik fol­gen. Er darf sich über enge lite­ra­tur­po­li­ti­sche Horizonte hin­weg­set­zen, auch wenn ihm Zeitgeist-Kritiker dafür höhe­re Weihen ver­wei­gern. Seine Tätigkeit braucht sich nicht in Kriegsprophylaxe zu erschöp­fen, in Mustern à la Remarque respek­ti­ve des­sen Opfer-Perspektive. Dies umso mehr, als der­ar­ti­ge poli­ti­sche Ansprüche stets stie­gen und sich selbst mit der Ästhetik von „Im Westen nichts Neues“ zwi­schen Latrine und Lazarett noch nicht zufrie­den­ga­ben. Denn zu Beginn der 1930er Jahre ver­fiel auch die­ser Roman nach etli­chen natio­na­lis­ti­schen Attacken links­ra­di­ka­ler Kritik.

Kommunisten bemän­gel­ten die feh­len­de Klassenkampf-Perspektive. Diverse Autoren der „Weltbühne“, von Arnold Zweig über Edlef Köppen bis Karl Hugo Sclutius wit­ter­ten bald (über Remarque hin­aus) in fast schon jeder Episode, die nicht unmit­tel­bar der Kriegsächtung dien­te, „Vergnügungskonfektion“ (Köppen:) oder im gekonnt ver­an­schau­lich­ten „Schrecken des Schützengrabens“ „Kriegspropaganda“ und „Romantik“ (Sclutius), die „immer für den Krieg“ sei. Wer so defen­siv Wirkungen zu kon­trol­lie­ren sucht, wird kon­se­quen­ter­wei­se jeder Formanstrengung miss­trau­en, jeder sprach­li­chen Ziselierung. Er lan­det bei der Psychologie oder Soziologie des enga­gier­ten Holzschnitts oder wird Texte ver­lan­gen, die sich in doku­men­tier­ten Todeslisten, Versehrten-Statistiken und end­lo­ser Reproduktion des blu­ti­gen Stumpfsinns erschöp­fen und dabei vor allem eins sind: lang­wei­lig und unat­trak­tiv. Welchem Anliegen damit gehol­fen wird, blei­be offen.

Doch aber­mals zur Frage: Darf man Krieg als Abenteuer schil­dern? Solche Fragen stel­len meist Leute, die ihren Kindern die Cowboypistole ver­bie­ten oder, um ein kurio­ses Beispiel aus mei­ner Bekanntschaft zu nen­nen, den als „mili­ta­ris­tisch“ ver­pön­ten Startschuss der Leichtathleten durch Händeklatschen erset­zen wol­len. Was hier ver­wech­selt wird, ist eine wünsch­ba­re sozia­le Haltung, die aus der Erduldung von Großkatastrophen der Welt Schlüsse zieht, und dem hilf­lo­sen Modellieren an mensch­li­chen Neigungen. Und die Attraktion von Gefahr als Herausforderung, sie zu bestehen, gehört dazu. Für sie sind Kriegsfilme nur dann tole­ra­bel, wenn sie zu „Antikriegsfilmen“ umett­i­ket­tiert wur­den, was gegen­wär­tig die leicht durch­schau­ba­re Regel ist. Im Übrigen spricht die gera­de­zu exzes­si­ve Horrorwelle in Literatur und Film nicht eben dafür, dass Abenteuer‑, Schock- und der­glei­chen Effekte in unse­rem so human defi­nier­ten Zeitalter ver­schwin­den. Sie wer­den nur ver­la­gert oder anders kos­tü­miert wie die Kriege, die aktu­ell nicht beer­digt, son­dern, als Friedens- bzw. Menschrechts-Missionen getarnt, lus­tig wei­ter­ge­führt werden.

 

Dabei scha­det eine gelun­ge­ne Kriegsdarstellung viel weni­ger als befürch­tet, weil gute Literatur eben prin­zi­pi­ell offen ist. Und natür­lich darf man sol­che Schilderungen, wenn sich die Rezeption nicht dar­auf beschränkt, auch als Abenteuer lesen. Denn Krieg war (und ist) in Teilen gewiss Abenteuer. Er wur­de 1914 nicht von allen, aber bemer­kens­wert vie­len in Europa so emp­fun­den, als „gro­ßer Urlaub“ von der Zivilisation, die – wie Freud dia­gnos­ti­zier­te – „Unbehagen“ berei­tet hat­te. Bergengruens „Patrouillenritt“ steht im Umfeld von Texten, die uns sol­che Stimmung ver­an­schau­li­chen und begrei­fen hel­fen. Und das war schon immer eine der Grundfunktionen von Literatur, unge­ach­tet mög­li­cher schäd­li­cher Wirkungen.

Die Realität zu ampu­tie­ren, weil man jene fürch­tet, ist kei­ne trag­ba­re künst­le­ri­sche Lösung. Das Spannungsfeld zwi­schen lite­ra­ri­scher Freiheit und sozia­ler Gefahrenabwehr darf nicht von vor­ne­her­ein zuguns­ten der letz­te­ren begrenzt wer­den. Vornehmlich dem mün­di­gen Leser steht von Fall zu Fall die Entscheidung zu. Für den Frieden wirbt nicht, wer Massenstimmungen oder Tugenden wie Mut, Kameradschaftlichkeit, Standhaftigkeit usw. leug­net oder sich einem iden­ti­fi­ka­to­ri­schen Nachvollzug des Auslebens von Ausnahmesituationen ver­wei­gert. Wirkliche Aufklärung nimmt die­se Befindlichkeiten ernst, zeigt aber zugleich die Kehrseite sol­cher per­sön­li­chen Bewährung.

Soweit zum Grundsätzlichen. Damit zurück zu Bergengruens Gedicht, genau­er: zur letz­ten, ein­zig noch unge­deu­te­ten Strophe 25, die mir fast als die wich­tigs­te der gan­zen Ballade erscheint:

Herbstgesträuche stan­den rot in Flammen,
Eine wil­de Taube gurr­te fern.
Sieben Pferde fan­den sich zusammen,
Nur ein Sattel hat­te kei­nen Herrn.

 

Ästhetisch gewer­tet, han­delt es sich um eine äußerst effekt­vol­le Bilanz. Mit einem ein­zi­gen, dem letz­ten Vers setzt der Autor den Kontrapunkt zum bis­he­ri­gen 24-strophigen Psychogramm eines debü­tie­ren­den Kriegers. In (schein­bar wer­tungs­lo­ser) Lakonie, die den bes­ten zeit­ge­nös­si­schen US-Stories abge­lauscht scheint, wird erhellt, dass sich Krieg kei­nes­wegs auf solip­sis­tisch gefei­er­te Entwicklungserlebnisse redu­zie­ren lässt.

Vom rea­lis­ti­schen Standpunkt aus wird damit eine Quasi-Idylle aben­teu­er­li­cher Romantik schlag­ar­tig auf­ge­löst. Eine fast ille­gi­ti­me poe­ti­sche Entrückung, die den Handelnden in eine Traumwelt zu ent­füh­ren schien, wird dekon­stru­iert wie die Glückszahl sie­ben, die sich in die­sem Fall als trü­ge­risch erwies.

Die Schlusspointe weckt auch uns Leser, die wir buch­stäb­lich wie­der geer­det wer­den, zu erneu­ter Beschäftigung mit der Kriegsproblematik.

Schließlich der ethi­sche Aspekt: „Nur ein Sattel hat­te kei­nen Herrn“ mahnt wie das latei­ni­sche: „Et sem­per respi­ce finem …“, man möge stets das Ende beden­ken. Mit die­sem zuge­spitz­ten Memento mori allein wird aus dem „Patrouillenritt“ zwar noch nicht gleich ein pazi­fis­ti­sches Gedicht. Aber es eröff­net ein dia­lek­ti­sches Spiel mit dem lan­gen Vortext, in dem ledig­lich eine Seite der Kriegsmedaille beleuch­tet war. Nun wird auch die ande­re Seite gezeigt, schock­haft, phra­sen­los und damit viel ein­dring­li­cher als es die meis­ten  der anfangs erwähn­ten Reiterlieder tun, wenn sie die Tragik des Tötens und Sterbens als selbst­ver­ständ­lich banalisieren.

[1] Vgl. Günter Scholdt, Bergengruen heu­te, in: Bergengrueniana I, Berlin 2012, S. 84–87

Dieser hier erst­mals unge­kürzt publi­zier­te Essay ist ein Additum zu des Autors lehr­rei­chem, inter­es­san­tem, kon­tro­vers dis­ku­tier­tem Buch „Die gro­ße Autorenschlacht. Weimars Literaten strei­ten über den Ersten Weltkrieg“, Berlin 2015